Weg zur Knechtschaft (F.A..v.Hayek)

(Le­se­zeit 27 Min) Kein Buch hat mein po­li­ti­sches Den­ken stär­ker be­ein­flusst als „Weg zur Knecht­schaft“. Viele mei­nen, F.A.v. Hayek sei kalt­her­zig  und Neo­li­be­ra­le skru­pel­los! Viel­leicht än­dert das hier etwas …

Zi­ta­te aus „Weg zur Knecht­schaft“ Zu­sam­men­ge­stellt von Er­nest Pi­ch­lbau­er: Fett ge­druckt sind meine Kom­men­ta­re, nor­mal ge­druck­te Zi­ta­te, die Zahl am Ende des Zi­tats be­zieht sich auf die Sei­ten­zahl der Aus­ga­be des Ol­zog-Ver­la­ges 2003 ISBN 3-7892-8118-2

Li­be­ra­lis­mus deu­tet Frei­heit als Mög­lich­keit zu tun was man will, So­zia­lis­mus als frei sein von wirt­schaft­li­chen zwän­gen.

Fa­schis­mus ist die Folge des Streits von Par­tei­en, die “wis­sen” was der ein­zel­ne Mensch braucht und will. Dazu ist ein kol­lek­ti­vis­ti­scher Ge­dan­ke nötig, der bei so­zia­lis­tisch den­ken­den Men­schen vor­han­den ist, un­er­heb­lich in wel­cher Par­tei sie sind. Jede Art der Kol­lek­ti­vie­rung ist so­zia­lis­ti­schen Ur­sprungs. Fa­schis­ten sind daher not­wen­di­ger­wei­se So­zia­lis­ten (CAVE: ein Um­kehr­schluss ist NICHT mög­lich – So­zi­al­de­mo­kra­ten sind KEINE Fa­schis­ten!)

„Aber man be­ach­te den Un­ter­schied: wäh­rend die De­mo­kra­tie die Gleich­heit in der Frei­heit sucht, sucht der So­zia­lis­mus sie im Zwang und in der Knech­tung’’’. Al­exis de Toc­que­vil­le 45

 

Pla­nung durch den Staat hat sich auf einen “zeit­lo­sen” Rah­men zu be­zie­hen, nicht auf Um­ver­tei­lung. Recht soll ein Pla­nungs­in­stru­ment für in­di­vi­du­el­le Ent­schei­dun­gen sein, das dem In­di­vi­du­um er­mög­licht Ent­schei­dun­gen des Staats in be­stimm­ten Si­tua­tio­nen vor­aus­zu­se­hen. Je­doch darf durch den Staat kei­nes­falls wirt­schaft­li­cher Er­folg oder Miss­er­folg einer im recht­li­chen Rah­men ge­setz­ten Ent­schei­dung da­durch vor­her­sag­bar sein.

Pla­nung, die sich nicht auf einen all­ge­mei­nen Rah­men be­zieht, be­zieht sich zwangs­läu­fig auf den Ent­schei­dungs­be­reich des In­di­vi­du­ums. In die­sem Fall be­deu­tet Pla­nung immer Frei­heits­ein­schrän­kung, der Aus­gangs­punkt des To­ta­li­ta­ris­mus. Pla­nung darf daher nie Wett­be­werbs­ein­schrän­kend sein.

Es ge­nügt kei­nes­wegs, dass das Recht das Prin­zip des Pri­vat­ei­gen­tums und der Ver­trags­frei­heit an­er­kennt. Denn es hängt viel davon ab, wel­che ge­naue recht­li­che De­fi­ni­ti­on dem Ei­gen­tums­recht je nach den Ge­gen­stän­den ge­ge­ben wird, auf die es sich be­zieht. Lei­der ist die sys­te­ma­ti­sche Er­for­schung der Rechts­for­men, die den Leis­tungs­wett­be­werb si­cher­stel­len, arg ver­nach­läs­sigt wor­den. Und es las­sen sich ge­wich­ti­ger Grün­de dafür an­füh­ren, dass erns­te Män­gel auf die­sem Ge­biet, be­son­ders im Ge­sell­schafts- und Pa­tent recht, nicht nur zu einem weit schlech­te­ren Funk­tio­nie­ren des Wett­be­werbs ge­führt haben, als man hätte er­war­ten dür­fen, son­dern ihn auf vie­len Ge­bie­ten sogar ver­nich­tet haben. 61

Selbst die we­sent­li­che Vor­be­din­gung für das rei­bungs­lo­se Funk­tio­nie­ren des Wett­be­werbs, näm­lich die Ver­hü­tung von Be­trug und Vor­spie­ge­lung fal­scher Tat­sa­chen, ein­schließ­lich der Aus­beu­tung von Un­wis­sen­heit, setzt der Tä­tig­keit des Ge­setz­ge­bers ein hohes und noch kei­nes­wegs rest­los er­reich­tes Ziel. 62

Was tat­säch­lich die So­zia­lis­ten auf der Lin­ken und auf der Rech­ten zu­sam­men­führt, ist die ge­mein­sa­me Feind­schaft gegen die Kon­kur­renz und ihr ge­mein­sa­mer Wunsch, sie durch eine ge­lenk­te Wirt­schaft zu er­set­zen. 63

Vor dem Ge­dan­ken einer völ­li­gen Zen­tra­li­sie­rung der Wirt­schafts­steue­rung schre­cken die meis­ten Men­schen immer noch zu­rück, nicht nur, weil die Auf­ga­be so un­ge­heu­er schwer ist, son­dern weit mehr noch aus dem Grun­de, weil sie die Vor­stel­lung ver­ab­scheu­en, dass alles und jedes von einem ein­zi­gen Zen­trum aus ge­lenkt wer­den solle. Wenn wir trotz­dem rasch einem sol­chen Zu­stand zu­trei­ben, so zum gro­ßen Teil des­we­gen, weil die meis­ten Leute immer noch glau­ben, es müsse mög­lich sein, ir­gend­ei­nen ,,Mit­tel­weg“ zwi­schen ,,ato­mis­ti­schem“ Wett­be­werb und zen­tra­ler Steue­rung zu fin­den. So­wohl das Wett­be­werbs­prin­zip wie das der zen­tra­len Steue­rung wer­den zu schlech­ten und stump­fen Werk­zeu­gen, wenn sie un­voll­stän­dig sind. Sie sind ein­an­der aus­schlie­ßend Prin­zi­pi­en zur Lö­sung des­sel­ben Pro­blems, und eine Mi­schung aus bei­den be­deu­tet, dass kei­nes von bei­den wirk­lich funk­tio­nie­ren und das Er­geb­nis schlech­ter sein wird, als wenn man sich kon­se­quent auf eines von bei­den ver­las­sen hätte.

Um es an­ders zu for­mu­lie­ren: Plan­wirt­schafts- und Wett­be­werbs­prin­zip kön­nen nur in einer Pla­nung zum Zwe­cke des Wett­be­werbs, nicht aber in einer Pla­nung gegen den Wett­be­werb mit­ein­an­der kom­bi­niert wer­den. 65 66

Was ihnen im all­ge­mei­nen vor­schwebt, ist viel­mehr der Um­stand, dass die zu­neh­men­de Schwie­rig­keit, sich ein um­fas­sen­des Bild des ge­sam­ten Wirt­schafts­pro­zes­ses zu ma­chen, eine Ko­or­di­nie­rung der Ein­zel­vor­gän­ge durch eine zen­tra­le Lei­tung un­ver­meid­lich macht, wenn die Ge­sell­schafts­ord­nung sich nicht in ein Chaos auf­lö­sen soll. Dies Ar­gu­ment be­ruht auf einer völ­li­gen Ver­ken­nung der Rolle des Wett­be­werbs. Weit ent­fernt davon, nur auf re­la­tiv ein­fa­che Ver­hält­nis­se an­wend­bar zu sein, wird der Wett­be­werb ge­ra­de durch die Ver­wi­ckelt­heit der mo­der­nen Ar­beits­tei­lung zur ein­zig brauch­ba­ren Ko­or­di­nie­rungs­me­tho­de. Einer wirk­sa­men Wirt­schafts­über­wa­chung oder Pla­nung würde nichts im Wege ste­hen, wenn die Ver­hält­nis­se so ein­fach wären, dass eine ein­zel­ne Per­son oder ein ein­zel­ner Aus­schuss alle be­deu­tungs­vol­len Tat­sa­chen wirk­lich über­se­hen könn­te. Erst in dem Maße, wie die Fak­to­ren, die zu be­rück­sich­ti­gen sind, so zahl­reich wer­den, dass man die Über­sicht ver­liert, wird die De­zen­tra­li­sie­rung not­wen­dig. Aber ist ein­mal die De­zen­tra­li­sie­rung ge­bo­ten, so taucht das Pro­blem der Ko­or­di­nie­rung auf, einer Ko­or­di­nie­rung, wel­che es den ein­zel­nen Wirt­schafts­part­nern er­laubt, ihre Tä­tig­keit den Ge­ge­ben­hei­ten, die nur sie sel­ber ken­nen kön­nen, an­zu­pas­sen, und wel­che doch nach allen Sei­ten zu einer Ab­stim­mung der in­di­vi­du­el­len Wirt­schafts­plä­ne führt. Da die De­zen­tra­li­sie­rung not­wen­dig ge­wor­den ist, weil nie­mand ver­stan­des­mä­ßig alle Fak­to­ren ab­wä­gen kann, die auf die Ent­schei­dun­gen so vie­ler In­di­vi­du­en ein­wir­ken, liegt es auf der Hand, dass die Ko­or­di­nie­rung nicht durch ,,be­wuss­te Über­wa­chung“ ver­wirk­licht wer­den kann, son­dern nur durch eine Ein­rich­tung, die jedem Glied des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses die Daten be­kannt gibt, die es ken­nen muss, um seine Ent­schei­dun­gen auf die an­de­rer ab­stim­men zu kön­nen. Und da nie­mals alle Ein­zel­um­stän­de, die fort­wäh­rend auf die Be­din­gun­gen von An­ge­bot und Nach­fra­ge der ver­schie­de­nen Waren ein­wir­ken, einer ein­zi­gen Zen­tra­le bis ins Letz­te be­kannt sein und die Daten von ihr nicht schnell genug ge­sam­melt und ver­brei­tet wer­den kön­nen, braucht man einen Re­gis­trier­ap­pa­rat, der au­to­ma­tisch alle be­deu­tungs­vol­len Wir­kun­gen der in­di­vi­du­el­len Hand­lun­gen auf zeich­net, deren An­ga­be zu­gleich Wir­kung und Ur­sa­che aller in­di­vi­du­el­len Ent­schei­dun­gen ist. 73 74

Plan­wirt­schaft muss von Spe­zia­lis­ten ge­lenkt wer­den, da die Kom­ple­xi­tät nicht mehr von Ge­ne­ra­lis­ten über­blickt wer­den kann. Damit ist die “Ob­jek­ti­vi­tät” den Ei­gen­in­ter­es­sen von Spe­zia­lis­ten aus­ge­lie­fert, die per se nicht mög­lich ist.

 

Wol­len wir alle un­se­re Hand­lun­gen nach einem ein­zi­gen Plan vor­neh­men, so muß die Vor­be­din­gung er­füllt sein, dass jedem ein­zel­nen un­se­rer Be­dürf­nis­se sein Platz in einer Wert­ord­nung an­ge­wie­sen wird, die so voll­stän­dig ist, dass sie eine Ent­schei­dung zwi­schen den ver­schie­de­nen Mög­lich­kei­ten eines wirt­schafts­po­li­ti­schen Kur­ses er­laubt, zwi­schen denen der Plan­wirt­schaft­ler wäh­len muss. Kurz ge­sagt, dies setzt das Vor­han­den­sein eines voll­stän­di­gen Mo­ral­ko­dex vor­aus, in dem alle die ver­schie­de­nen mensch­li­chen Werte den ihnen ge­büh­ren­den Platz er­hal­ten. 83

Der Punkt, der für uns we­sent­lich ist, ist der, dass es kei­nen sol­chen voll­stän­di­gen Mo­ral­ko­dex gibt. 84

Wir be­sit­zen nicht nur keine sol­che all­um­fas­sen­de Wert­ska­la nein, es über­stie­ge Men­schen­kraft, die un­end­li­che Man­nig­fal­tig­keit der ver­schie­de­nen Be­dürf­nis­se der ver­schie­de­nen Men­schen, die sich in die zur Ver­fü­gung ste­hen­den Pro­duk­ti­ons­mit­tel tei­len müs­sen, zu er­fas­sen und jedem die ihm zu­kom­men­de Be­deu­tung zu­zu­wei­sen.85

Dar­aus zieht der In­di­vi­dua­list den Schluss, dass es den In­di­vi­du­en frei­ste­hen soll­te, in­ner­halb be­stimm­ter Gren­zen nach ihren Wert­vor­stel­lun­gen und Nei­gun­gen zu leben, statt nach denen an­de­rer, dass in­ner­halb die­ses Be­rei­ches die per­sön­li­chen Wün­sche des ein­zel­nen aus­schlag­ge­bend sein soll­ten und nicht das Dik­tat an­de­rer. Diese An­er­ken­nung des In­di­vi­du­ums als des obers­ten Rich­ters über seine Ziele, die Über­zeu­gung, dass es, so­weit nur ir­gend an­gän­gig, in sei­nen Hand­lun­gen sei­nen ei­ge­nen An­schau­un­gen fol­gen solle, bil­det den We­sens­ge­halt des In­di­vi­dua­lis­mus. Diese An­schau­ung schließt na­tür­lich die An­er­ken­nung so­zia­ler Ziele oder viel­mehr ein Zu­sam­men­tref­fen vie­ler in­di­vi­du­el­ler Ziele nicht aus, zu deren Er­rei­chung die Men­schen sich zweck­mä­ßi­ger­wei­se ver­ei­ni­gen. Aber nach die­ser Auf­fas­sung ist ein sol­ches ge­mein­sa­mes Han­deln auf Fälle be­schränkt, in denen die in­di­vi­du­el­len Mei­nun­gen die glei­chen sind; da­nach sind die ,,so­zia­len Ziele“ le­dig­lich iden­ti­sche Ziele vie­ler In­di­vi­du­en  oder Ziele, zu deren Er­rei­chung die In­di­vi­du­en im Aus­tausch gegen die Un­ter­stüt­zung, die sie bei der Be­frie­di­gung ihrer ei­ge­nen Wün­sche emp­fan­gen, bei­zu­tra­gen be­reit sind. Ge­mein­sa­mes Han­deln ist also auf die Ge­bie­te be­schränkt, auf denen die Men­schen sich über ge­mein­sa­me Ziele einig sind. 86

Das Di­lem­ma der Ziel­bil­dung: um Pla­nen zu kön­nen ist eine Ziel­bil­dung nötig, die nur mög­lich ist, wenn es eine Wer­te­ska­la gibt, die wie­der­um eine ent­spre­chen­de Mei­nungs­bil­dung über Dinge wie “Ge­mein­wohl” oder “So­zi­al­stan­dard” oder “Wohl­fahrt” vor­aus­setzt, wobei jede de­mo­kra­ti­sche Ent­schei­dungs­fin­dung über Mehr­heits­su­che zu Kom­pro­mis­sen füh­ren muss, die damit in der Um­set­zung den Er­mes­sens­spiel­raum der Exe­cu­tiv­or­ga­ne immer wei­ter ver­grö­ßern und so in Rich­tung Will­kür und Un­rechts­staat drän­gen wer­den. Will man je­doch den Rechts­staat auf­recht er­hal­ten, dann kann die­ser Ent­wick­lung nur mit Re­duk­ti­on der de­mo­kra­ti­schen Spiel­re­geln, und am Ende mit To­ta­li­ta­ris­mus be­geg­net wer­den. Jeder Ver­such einer um­fas­sen­den Pla­nung der In­di­vi­du­el­len Ent­schei­dungs­frei­heit führt daher un­wei­ger­lich – so oder so-  zu un­er­wünsch­ten Er­geb­nis­sen, weil es un­mög­lich ist, einen um­fas­sen­den und un­wi­der­sprüch­li­chen Ziel­ka­ta­log zu er­stel­len.

 

Man kann nicht ein kom­ple­xes Gan­zes zu­stan­de brin­gen, in dem alle Teile aufs sorg­fäl­tigs­te auf­ein­an­der ab­ge­stimmt sein müs­sen, wenn man einen Kom­pro­miss zwi­schen wi­der­spre­chen­den An­sich­ten schließt. Einen Wirt­schafts­plan in die­ser Weise auf­zu­stel­len, ist noch we­ni­ger mög­lich, als z. B. einen Feld­zugs­plan nach dem de­mo­kra­ti­schen Ver­fah­ren er­folg­reich zu ent­wer­fen. Es würde wie in der Kriegs­kunst zu einem Gebot der Not­wen­dig­keit wer­den, die Auf­ga­be den Sach­ver­stän­di­gen zu über­tra­gen. 92

De­mo­kra­tie ist nur um den Preis zu haben, dass al­lein sol­che Ge­bie­te einer be­wuss­ten Len­kung un­ter­wor­fen wer­den kön­nen, auf denen eine wirk­li­che Über­ein­stim­mung über die Ziele be­steht, wäh­rend man an­de­re Be­rei­che sich sel­ber über­las­sen muss. 98

Wir dür­fen auch nicht ver­ges­sen, dass es unter einem au­to­kra­ti­schen Re­gi­ment oft mehr kul­tu­rel­le und geis­ti­ge Frei­heit ge­ge­ben hat als in ein­zel­nen De­mo­kra­ti­en, wäh­rend wir uns zum min­des­ten vor­stel­len kön­nen, dass eine de­mo­kra­ti­sche Re­gie­rung unter der Herr­schaft einer sehr ho­mo­ge­nen und dok­tri­nä­ren Ma­jo­ri­tät die Men­schen eben­so ver­knech­ten könn­te, wie die schlimms­te Dik­ta­tur. In die­sem Zu­sam­men­hang kommt es uns aber nicht dar­auf an, dass die Dik­ta­tur not­wen­di­ger­wei­se die Frei­heit ver­nich­ten muss, son­dern viel­mehr dar­auf, dass Plan­wirt­schaft zur Dik­ta­tur führt, 99

Der Glau­be, dass keine Re­gie­rung eine Will­kür­herr­schaft sein kann, wenn sie nur ein Pro­dukt des de­mo­kra­ti­schen Wahl­ver­fah­rens ist, ist ganz un­be­grün­det und die darin lie­gen­de Ge­gen­über­stel­lung voll­kom­men falsch: nicht der Ur­sprung, son­dern die Be­gren­zung der Re­gie­rungs­ge­walt be­wahrt vor Will­kür. 100

In kei­nem Punk­te un­ter­schei­den sich die Ver­hält­nis­se in einem frei­en Lande von denen in einem will­kür­lich re­gier­ten deut­li­cher als darin, dass man sich in dem ers­te­ren an jene Grund­sät­ze hält, die wir unter dem Be­griff des Rechts­staa­tes zu­sam­men fas­sen. Wenn man von allen tech­ni­schen Ein­zel­hei­ten ab­sieht, so be­deu­tet dies, dass die Re­gie­rung in allen ihren Hand­lun­gen an Nor­men ge­bun­den ist, die im vor­aus fest­ge­legt und be­kannt­ge­ge­ben sind  Nor­men, nach denen man mit ziem­li­cher Si­cher­heit vor­aus­se­hen kann, in wel­cher Weise die Ob­rig­keit unter be­stimm­ten Um­stän­den von ihrer Macht Ge­brauch ma­chen wird und die es dem ein­zel­nen er­lau­ben, sein per­sön­li­ches Ver­hal­ten da­nach ein­zu­rich­ten. 101

Wenn die In­di­vi­du­en im Stan­de sein sol­len, ihre Kennt­nis wirk­sam in Pläne um­zu­set­zen, dann müs­sen sie die Maß­nah­men des Staa­tes, die für diese Pläne be­deu­tungs­voll wer­den kön­nen, vor­aus­zu­se­hen ver­mö­gen. Aber wenn die Staats­maß­nah­men im Vor­aus be­stimm­bar sein sol­len, dann müs­sen sie an Rechts­nor­men ge­bun­den sein, die un­ab­hän­gig von den un­vor­her­seh­ba­ren und un­be­re­chen­ba­ren Um­stän­den auf­ge­stellt wur­den, wobei eine Vor­aus­sa­ge dar­über, wie sol­che Maß­nah­men im Ein­zel­nen wir­ken wer­den, nicht mög­lich ist. Wenn aber an­de­rer­seits der Staat die Akte der In­di­vi­du­en len­ken soll­te, um so kon­kre­te Ziele zu er­rei­chen, dann müss­ten seine Maß­nah­men mit Rück­sicht auf alle Um­stän­de des je­wei­li­gen Au­gen­blicks ge­trof­fen, daher aber auch un­be­stimm­bar wer­den. Dar­aus er­klärt sich die be­kann­te Tat­sa­che, dass, je mehr der Staat ,,plant“, das Pla­nen für den ein­zel­nen um so schwie­ri­ger wird. Un­par­tei­isch sein heißt näm­lich, be­stimm­te Fra­gen un­be­ant­wor­tet las­sen – jene Art von Fra­gen, die wir ge­ge­be­nen­falls durch Ab­zäh­len an den Knöp­fen ent­schei­den. In einer Welt, in der alles genau im Vor­aus be­stimmt sein soll, kann der Staat kaum ir­gend­et­was tun, ohne seine Un­par­tei­lich­keit zu ver­lie­ren. 105 106

In ihrem Wunsch­traum, dass in Wahr­heit kein wirt­schaft­li­ches Pro­blem mehr be­ste­he, sind die Men­schen durch das un­ver­ant­wort­li­che Ge­re­de über der ,,mög­li­chen Gü­ter­über­fluss“ be­stärkt wor­den. Gäbe es die­sen wirk­lich, so würde das in der Tat be­deu­ten, dass das wirt­schaft­li­che Pro­blem, wel­ches es uns un­mög­lich macht, alle un­se­re Be­dürf­nis­se zu be­frie­di­gen, nicht mehr exis­tiert. Aber ob­wohl die so­zia­lis­ti­sche Pro­pa­gan­da sich die­ser Fata Mor­ga­na von An­be­ginn an unter ver­schie­de­nen Namen be­dient hat, ist sie noch genau so eine of­fen­sicht­li­che Chi­mä­re wie vor über hun­dert Jah­ren, als sie zum ers­ten Male auf­tauch­te. Wäh­rend die­ser gan­zen Zeit hat von all den vie­len Leu­ten, die die­ses Lock­mit­tel be­nutzt haben, nicht ein ein­zi­ger einen brauch­ba­ren Plan auf­ge­stellt, wie die Pro­duk­ti­on so ge­stei­gert wer­den könne, dass sie auch nur in West­eu­ro­pa das, was wir unter Armut ver­ste­hen, be­sei­tig­te – von der üb­ri­gen Welt ganz zu schwei­gen. Der Leser kann sich dar­auf ver­las­sen, dass jeder, der vom mög­li­chen Gü­ter­über­fluss spricht, ent­we­der un­ehr­lich ist oder nicht weiß, was er redet. Und doch ist es ge­ra­de diese fal­sche Hoff­nung, die uns mehr als alles an­de­re auf den Weg zur Plan­wirt­schaft treibt. Zur Recht­fer­ti­gung die­ser star­ken Worte zi­tie­ren wir die Schluss­fol­ge­run­gen, zu denen Colin Clark, einer der be­kann­tes­ten unter den Jün­ge­ren Wirt­schafts­sta­tis­ti­kern und ein Mann von un­zwei­fel­haft fort­schritt­li­chen An­schau­un­gen und von streng wis­sen­schaft­li­cher Be­trach­tungs­wei­se, in sei­nem Buch ,,Con­di­ti­ons of Eco­no­mic Pro­gress“ (l940, S. 34) ge­langt: ,,Die oft wie­der­hol­ten Phra­sen von Armut in­mit­ten des Über­flus­ses und die Phra­sen, dass das Pro­duk­ti­ons­pro­blem be­reits ge­löst wäre, wenn wir nur im Stan­de wären, das Ver­tei­lungs­pro­blem zu meis­tern, er­wei­sen sich als die ver­lo­gens­ten aller mo­der­nen Schlag­wor­te … Die Frage der Nicht­aus­nut­zung der Pro­duk­ti­ons­ka­pa­zi­tät ist nur für die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von be­trächt­li­cher Be­deu­tung, wenn sie auch in be­stimm­ten Jah­ren in Groß­bri­tan­ni­en, Deutsch­land und Frank­reich eine ge­wis­se Rolle ge­spielt hat; aber für den größ­ten Teil der Welt tritt sie völ­lig zu­rück hin­ter der viel wich­ti­ge­ren Tat­sa­che, dass die Län­der auch bei Voll­be­schäf­ti­gung so wenig pro­du­zie­ren kön­nen. Das Zeit­al­ter des Über­flus­ses dürf­te noch lange auf sich war­ten las­sen … könn­te man die ver­meid­ba­re Ar­beits­lo­sig­keit in allen Kon­junk­tur­pha­sen aus­schal­ten, so würde das für die Be­völ­ke­rung der Ver­ei­nig­ten Staa­ten eine we­sent­li­che Ver­bes­se­rung des Le­bens­stan­dards be­deu­ten; zieht man aber die Welt als Gan­zes in Be­tracht, so wäre dies nur ein win­zi­ger Bei­trag zu dem viel grö­ße­ren Pro­blem, wie man das Re­al­ein­kom­men des Gros der Welt­be­völ­ke­rung auf einen ei­ni­ger­ma­ßen zi­vi­li­sier­ten Stan­dard heben kann.“

Sie tre­ten nicht mehr wegen der grö­ße­ren Pro­duk­ti­vi­tät für die Plan­wirt­schaft ein, son­dern des­halb, weil diese es uns er­lau­ben würde, eine ge­rech­te­re und gleich­mä­ßi­ge­re Gü­ter­ver­tei­lung vor­zu­neh­men. Dies ist tat­säch­lich das ein­zi­ge Ar­gu­ment zu­guns­ten der Plan­wirt­schaft, mit dem man ernst­haft ope­rie­ren kann. 131 132

Wir hören oft, dass po­li­ti­sche Frei­heit ohne wirt­schaft­li­che Frei­heit sinn­los ist. Das trifft durch­aus zu, aber in einem Sinn, der un­ge­fähr das ge­naue Ge­gen­teil des­sen ist, in dem diese Phra­se von un­se­ren Pla­nern ge­braucht wird. Die wirt­schaft­li­che Frei­heit, die die Vor­be­din­gung für jede an­de­re Frei­heit ist, kann nicht die Be­frei­ung von wirt­schaft­li­cher Sorge sein, die die So­zia­lis­ten uns ver­spre­chen und die man nur da­durch er­rei­chen kann, dass man gleich­zei­tig dem In­di­vi­du­um die Not­wen­dig­keit und die Mög­lich­keit der frei­en Wahl ab­nimmt. Es muss viel­mehr die Frei­heit un­se­rer Wirt­schafts­be­tä­ti­gung sein, die uns zwar das Recht der Wahl gibt, aber uns auch not­wen­di­ger­wei­se das Ri­si­ko und die Ver­ant­wor­tung für die­ses Recht auf­bür­det. 134

Je mehr die Stel­lung des ein­zel­nen nicht das Er­geb­nis an­ony­mer Kräf­te, näm­lich des all­ge­mei­nen Wett­be­werbs ist, son­dern durch die be­wuss­te Ent­schei­dung der Ob­rig­keit be­stimmt wird, und je mehr die Men­schen sich des­sen be­wusst wer­den, um so mehr wird sich zei­gen, dass sie ihre Stel­lung in der Ge­sell­schafts­ord­nung mit an­de­ren Augen be­trach­ten. 140

Die Men­schen wer­den zwar Lei­den hin­neh­men, die jeden tref­fen kön­nen; aber sie wer­den sich nicht so leicht mit sol­chen ab­fin­den, die das Er­geb­nis einer Ent­schei­dung der Re­gie­rung sind. 141

Zur Recht­fer­ti­gung eines be­son­de­ren Pla­nes be­darf es nicht ver­nünf­ti­ger Über­le­gung, son­dern des Be­kennt­nis­ses zu einem Glau­ben.

In die­sem Be­stre­ben, eine auf einer sol­chen al­lei­ni­gen Welt­an­schau­ung be­ru­hen­de Mas­sen­be­we­gung ins Leben zu rufen, schu­fen die So­zia­lis­ten als erste die meis­ten In­stru­men­te zur geis­ti­gen Ab­rich­tung, von denen dann die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten und Fa­schis­ten so wirk­sam Ge­brauch ge­macht haben.

Der Ge­dan­ke einer po­li­ti­schen Par­tei, die alle Tä­tig­kei­ten des In­di­vi­du­ums von der Wiege bis zur Bahre um­spannt, die den An­spruch er­hebt, die An­sich­ten des ein­zel­nen über alles und jedes zu be­stim­men, und die darin schweigt, alle Pro­ble­me zu Fra­gen der Welt­an­schau­ung der Par­tei zu ma­chen, wurde zu­erst von den So­zia­lis­ten in die Pra­xis um­ge­setzt. 149

Nicht die Fa­schis­ten, son­dern die So­zia­lis­ten hat­ten als erste den Ge­dan­ken, Sport und Spie­le, Fuß­ball und Wan­dern in Par­teiklubs zu or­ga­ni­sie­ren, in denen die Mit­glie­der nicht durch ab­wei­chen­de An­schau­un­gen in­fi­ziert wer­den konn­ten. Die So­zia­lis­ten waren die ers­ten, die dar­auf hiel­ten, dass das Par­tei­mit­glied sich von an­de­ren Men­schen durch die For­men des Gru­ßes und der An­re­de un­ter­schei­den soll­te. Sie waren die­je­ni­gen, die durch die Schaf­fung von ,,Zel­len“ und Vor­keh­run­gen für die stän­di­ge Über­wa­chung des Pri­vat­le­bens den Pro­to­typ der to­ta­li­tä­ren Par­tei ins Leben ge­ru­fen haben. 150

Es ist viel Wah­res an der oft ge­äu­ßer­ten Be­haup­tung, dass Fa­schis­mus und Na­tio­nal­so­zia­lis­mus eine Art von Mit­tel­stands­so­zia­lis­mus sind – nur, dass die An­hän­ger die­ser neuen Be­we­gung in Ita­li­en und Deutsch­land nach ihrer ma­te­ri­el­len Lage kaum mehr zum Mit­tel­stand ge­hör­ten. Es war weit­ge­hend ein Auf­stand einer neuen zu kurz ge­kom­me­nen Klas­se gegen die Ar­bei­te­ra­ris­to­kra­tie, die durch die Ar­bei­ter­be­we­gung ge­schaf­fen wor­den war. Dass kaum ein an­de­rer wirt­schaft­li­cher Fak­tor so sehr zur Aus­brei­tung die­ser neuen Be­we­gun­gen bei­ge­tra­gen hat wie der Neid der ge­schei­ter­ten Aka­de­mi­ker, des aka­de­misch ge­bil­de­ten In­ge­nieurs oder Ju­ris­ten, und des ,,Steh­kra­gen­pro­le­ta­ri­ats“ im all­ge­mei­nen auf die Lo­ko­mo­tiv­füh­rer, Set­zer oder an­de­re Mit­glie­der der stärks­ten Ar­bei­ter­ge­werk­schaf­ten, deren Ein­kom­men ein Viel­fa­ches des ih­ri­gen war, steht wohl zwei­fels­frei fest. 152


Gleich­heit ist eine Il­lu­si­on, weil ent­we­der nur “ab­so­lu­te” Gleich­heit als Leit­li­nie für Ent­schei­dungs­trä­ger funk­tio­niert, oder gar nichts. Ab­so­lu­te Gleich­heit kann je­doch keine Rück­sicht auf Grup­pen­in­ter­es­sen neh­men, womit ei­gent­lich Pri­vi­le­gi­en weder ge­nom­men noch ver­teilt wer­den könn­ten. Ge­schieht das doch, wären ei­ni­ge eben “glei­cher” als an­de­re. Daher ist eine Re­gie­rung die “Gleich­heit” ver­spricht und den Ent­schei­dungs­trä­gern als obers­te Leit­li­nie vor­schrei­ben will, in ihren Hand­lun­gen auf eine dik­ta­to­ri­sche Um­set­zung an­ge­wie­sen, die Ein­zel­in­ter­es­sen un­ter­drü­cken muss.

 

Wir soll­ten von vorn­her­ein zwei Arten von Si­cher­heit aus­ein­an­der­hal­ten: die be­grenz­te, die allen Men­schen ge­währ­leis­tet wer­den kann und die des­halb kein Vor­recht ist, son­dern ein durch­aus be­rech­tig­ter An­spruch, und die ab­so­lu­te Si­cher­heit, die in einer frei­en Ge­sell­schaft nicht allen ge­währ­leis­tet wer­den kann und die nicht als ein Vor­recht ver­lie­hen wer­den soll­te – ab ge­se­hen von ei­ni­gen be­son­de­ren Fäl­len wie z. B . dem der Rich­ter, in dem völ­li­ge Un­ab­hän­gig­keit von höchs­ter Be­deu­tung ist. Diese bei­den Arten von Si­cher­heit sind: ers­tens Si­che­rung gegen schwe­re kör­per­li­che Ent­beh­run­gen, die Ge­wiss­heit eines be­stimm­ten Exis­tenz­mi­ni­mums für alle, und zwei­tens die Si­cher­heit eines be­stimm­ten Le­bens­stan­dards, d h. der wirt­schaft­li­chen Stel­lung, deren sich eine Per­son oder eine Grup­pe im Ver­hält­nis zu an­de­ren er­freut, oder, wie wir es kurz aus­drü­cken kön­nen: ei­ner­seits die Si­cher­heit eines Min­dest­ein­kom­mens und an­de­rer­seits die Si­cher­heit des be­son­de­ren Ein­kom­mens, auf das je­mand An­spruch zu haben glaubt. 157

Es ist auch kein Grund vor­han­den, warum der Staat die In­di­vi­du­en nicht in der Vor­sor­ge für jene ge­wöhn­li­chen Wech­sel­fäl­le des Le­bens un­ter­stüt­zen soll­te, gegen die wegen ihrer Un­ge­wiss­heit nur we­ni­ge sich aus­rei­chend si­chern kön­nen. Wenn, wie im Falle von Krank­heit und Un­fall, in der Regel durch sol­che Hil­fe­leis­tung weder der Wunsch, der­ar­ti­ge Er­eig­nis­se zu ver­mei­den, noch die An­stren­gung, die Fol­gen zu über­win­den, ge­schwächt wer­den, wenn wir es, kurz ge­sagt, mit ech­ten ver­si­che­rungs­fä­hi­gen Ri­si­ken zu tun haben, spricht sehr viel für die staat­li­che Hilfe bei der Or­ga­ni­sie­rung einer um­fas­sen­den So­zi­al­ver­si­che­rung. 158


Si­cher­heit als Pri­vi­leg von Grup­pen (z.B. Ar­beits­platz­si­cher­heit, Ein­kom­mens­si­cher­heit, …) und Un­si­cher­heit sind mit­ein­an­der in einem Teu­fels­kreis ver­bun­den. Je grö­ßer die Si­cher­heit ein­zel­ner Grup­pen wird, desto grö­ßer wird die Un­si­cher­heit der nicht ge­schütz­ten Grup­pen. Je grö­ßer die Un­si­cher­heit der un­ge­schütz­ten, desto grö­ßer der drang nach Schutz und damit die Ten­denz der Po­li­tik die ge­schütz­te Grup­pe zu ver­grö­ßern, was auf Kos­ten der Si­cher­heit der un­ge­schütz­ten (z.B. freie Un­ter­neh­mer) gehen muss. Gleich­zei­tig wird aber ein ge­schütz­ter ein immer hö­he­res An­se­hen und auch immer hö­he­res Ein­kom­men er­hal­ten und so den Drang der un­ge­schütz­ten in diese Grup­pe er­hö­hen und damit der po­li­ti­schen Ten­denz Vor­schub leis­ten den ge­schütz­ten Be­reich aus­zu­deh­nen.

Der Preis die­ser Si­cher­heit ist aber die Frei­heit des In­di­vi­du­ums, da ein si­che­rer Ar­beits­platz nur dann mög­lich ist, wenn der Mit­ar­bei­ter be­reit ist, seine Be­rufs­wahl, als auch den In­halt sei­ner Ar­beit aus­schließ­lich einem Pla­ner zu über­las­sen. Damit wächst die Macht des Pla­ners – eine For­de­rung nach Si­cher­heit ist daher eine For­de­rung nach Zen­tra­lis­mus und To­ta­li­ta­ris­mus. In­di­vi­du­el­le Si­cher­heit und in­di­vi­du­el­le Frei­heit schlie­ßen ein­an­der aus – man muß sich ent­schei­den, was einem wich­ti­ger ist.

 

Es ver­letzt zwei­fel­los un­se­ren Ge­rech­tig­keits­sinn, wenn je­mand ohne ei­ge­nes Ver­schul­den und trotz an­ge­streng­ter Ar­beit und au­ßer­ge­wöhn­li­cher Ge­schick­lich­keit eine große Ein­kom­mens­min­de­rung er­fährt und sich in all sei­nen Hoff­nun­gen bit­ter ent­täuscht sieht. Die For­de­run­gen der davon Be­trof­fe­nen, der Staat solle zu ihren Guns­ten ein­grei­fen, um ihre be­rech­tig­ten Er­war­tun­gen si­cher­zu­stel­len, sind all­ge­mei­ner Sym­pa­thie und Un­ter­stüt­zung si­cher. Die Bil­li­gung die­ser For­de­run­gen durch die Öf­fent­lich­keit hat dazu ge­führt, dass die Re­gie­run­gen über­all ein­ge­grif­fen haben, nicht nur, um die Men­schen, denen bit­te­re Not und Ent­beh­run­gen dro­hen, zu schüt­zen, son­dern um ihnen ihr frü­he­res Ein­kom­men auf die Dauer zu si­chern und sie vor den Auf und Ab des Mark­tes zu be­wah­ren. Die Si­cher­heit eines be­stimm­ten Ein­kom­mens kann je­doch nicht allen ge­währt wer­den, wenn noch freie Be­rufs­wahl ge­stat­tet sein soll. Wird sie aber ei­ni­gen Per­so­nen ge­währt, so er­hal­ten sie ein Vor­recht auf Kos­ten der an­de­ren, deren Si­cher­heit da durch not­wen­di­ger­wei­se be­ein­träch­tigt wird. Es ist leicht, zu zei­gen, dass die Si­cher­heit eines un­ver­än­der­li­chen Ein­kom­mens allen nur dann ge­währ­leis­tet wer­den kann, wenn jede Frei­heit der Be­rufs­wahl ab­ge­schafft wird. Wenn eine sol­che all­ge­mei­ne Ga­ran­tie für das be­rech­tig­ter­wei­se er­war­te­te Ein­kom­men auch oft als das er­stre­bens­wer­te Ideal an­ge­se­hen wird, so han­delt es sich doch nicht um etwas, was im Ernst an­ge­strebt wird. Was man statt des­sen fort­ge­setzt tut, be­steht darin, diese Art von Si­cher­heit von Fall zu Fall zu ge­wäh­ren, bald die­ser und bald jener Grup­pe, was dazu führt, dass die Un­si­cher­heit für die­je­ni­gen, die bei­sei­te ste­hen müs­sen, be­stän­dig wächst. Es ist daher auch kein Wun­der, dass der Wert, der dem Vor­recht der Si­cher­heit bei­ge­mes­sen wird, un­aus­ge­setzt steigt und dass das Ver­lan­gen nach ihr immer drin­gen­der wird, bis schließ­lich kein Preis dafür als zu hoch er­scheint, selbst der der Frei­heit nicht. 161

Aber wenn die Ver­än­de­run­gen in der Ver­tei­lung der Men­schen auf die ver­schie­de­nen Be­ru­fe, die in jeder Ge­sell­schaft un­aus­ge­setzt er­for­der­lich sind, nicht mehr durch fi­nan­zi­el­le ,,Be­loh­nun­gen“ und ,,Stra­fen“ (die in kei­nem Zu­sam­men­hang mit dem sub­jek­ti­ven Ver­dienst zu ste­hen brau­chen) be­wirkt wer­den kön­nen, muss man sie durch di­rek­te Be­feh­le her­bei­füh­ren. Wenn je­man­des Ein­kom­men ga­ran­tiert ist, kann man Ihm weder er­lau­ben, sei­nem Beruf treu zu blei­ben, bloß weil er Ihn gern hat, noch ihm ge­stat­ten, eine an­de­re Ar­beit zu wäh­len, die er vor­zie­hen würde. Da er nicht in ei­ge­ner Per­son den Ge­winn macht oder den Ver­lust er­lei­det, der von sei­nem Be­rufs­wech­sel oder sei­nem Blei­ben ab­hängt, muss die Wahl für ihn von denen ge­trof­fen wer­den, die die Ver­tei­lung des ver­füg­ba­ren Ein­kom­mens in der Hand haben. 162

Es han­delt sich nicht darum, dass die Be­vor­zug­ten ihre Stel­lun­gen auf­ge­ben, son­dern al­lein darum, dass sie sich an dem all­ge­mei­nen Miss­ge­schick da­durch be­tei­li­gen, dass sie eine ge­wis­se Ein­kom­mens­min­de­rung auf sich neh­men oder oft le­dig­lich da­durch, dass sie auf einen Teil der mög­li­chen Ein­kom­mens­stei­ge­rung ver­zich­ten. Doch der Schutz ihres ,,Le­bens­stan­dards“, des ,,ge­rech­ten Prei­ses“ oder des ,,stan­des­ge­mä­ßen Ein­kom­mens“, wor­auf sie An­spruch zu haben glau­ben und in deren Wah­rung sie der Staat un­ter­stützt, steht dem im Wege. In­fol­ge­des­sen sind es statt der Prei­se, Löhne und in­di­vi­du­el­len Ein­kom­men jetzt Be­schäf­ti­gung und Pro­duk­ti­on, die hef­ti­gen Schwan­kun­gen un­ter­wor­fen sind. Nie­mals hat es eine schlim­me­re oder grau­sa­me­re Aus­beu­tung der einen Klas­se durch die an­de­re ge­ge­ben als die der schwä­che­ren und we­ni­ger glück­li­chen An­ge­hö­ri­gen eines Pro­duk­ti­ons­zwei­ges durch die, die fest im Sat­tel sit­zen, eine Aus­beu­tung, die durch die ,,Re­gu­lie­rung“ des Wett­be­werbs er­mög­licht wor­den ist. Wenig Schlag­wor­te haben so viel Un­heil an­ge­rich­tet wie das Ideal einer ,,Sta­bi­li­sie­rung“ be­stimm­ter Prei­se (oder Löhne), die zwar ei­ni­gen das Ein­kom­men si­chern, dafür aber die Lage der üb­ri­gen immer pre­kä­rer wer­den las­sen. 168

Wir müs­sen unter allen Um­stän­den wie­der ler­nen, offen der Tat­sa­che ins Auge zu sehen, dass die Frei­heit nur um einen be­stimm­ten Preis zu haben ist und dass wir als In­di­vi­du­en be­reit sein müs­sen, für die Wäh­rung un­se­rer Frei­heit schwe­re ma­te­ri­el­le Opfer zu brin­gen.172

Die Auf­spal­tung oder De­zen­tra­li­sie­rung der Macht muss not­wen­di­ger­wei­se die ab­so­lu­te Ge­samt­sum­me der Macht ver­min­dern, und die auf dem Wett­be­werb be­ru­hen­de Markt­wirt­schaft ist das ein­zi­ge Wirt­schafts- und Ge­sell­schafts­sys­tem, das dar­auf ge­rich­tet ist, durch De­zen­tra­li­sie­rung die Macht des Men­schen über den Men­schen auf das Min­dest­maß her­ab­zu­set­zen.

Die so ge­nann­te wirt­schaft­li­che Macht ist, so sehr sie zu einem Zwangs­mit­tel wer­den kann, in der Hand von Pri­va­ten nie­mals eine un­ein­ge­schränk­te oder voll­kom­me­ne Macht und nie­mals eine sol­che über das ge­sam­te Leben eines Men­schen. Aber wird sie als In­stru­ment der po­li­ti­schen Macht zen­tra­li­siert, so schafft sie einen Grad der Ab­hän­gig­keit, der kaum noch von Skla­ve­rei zu un­ter­schei­den ist.

Der Grund­satz, dass der Zweck die Mit­tel hei­ligt, er­scheint nach der in­di­vi­dua­lis­ti­schen Ethik als die Ne­gie­rung jeder Moral, aber in der kol­lek­ti­vis­ti­schen Ethik wird er not­wen­di­ger­wei­se zur obers­ten Norm. Es gibt buch­stäb­lich keine Hand­lung, zu der der kon­se­quen­te Kol­lek­ti­vist nicht be­reit sein muß, wenn sie dem ,,Wohle des Gan­zen“ dient, denn das ,,Wohl des Gan­zen“ ist für ihn das ein­zi­ge Kri­te­ri­um des Sol­lens. l87

Der Pla­ner al­ler­dings wird der mensch­li­chen Natur fol­gend zum Dem­ago­gen ge­stützt ent­spre­chend den ne­ga­ti­ven Se­lek­ti­ons­prin­zi­pi­en (stüt­zen auf Mas­sen, deren Wer­te­vor­stel­lun­gen auf nied­ri­gem Ni­veau ge­bil­det ist, sam­meln von leicht­gläu­bi­gen und ge­fü­gi­gen im in­ne­ren (Be­ra­ter)Stab, ent­wi­ckeln eines ne­ga­ti­ven Pro­gramms mit äu­ße­ren und in­ne­ren Fein­den auf Basis von Hass und Neid). Ein sol­cher Pla­ner muss amo­ra­lisch sein, da es für eine sol­chen “Füh­rer”po­si­ti­on kei­nen Mo­ral­ko­dex gibt, und mo­ra­lisch ge­fes­tig­te Men­schen daher eine sol­che Po­si­ti­on weder an­stre­ben noch aus­bau­en wür­den. Damit ist der Dem­ago­ge eben­falls der ne­ga­ti­ven Se­lek­ti­on un­ter­wor­fen.

Da aber trotz allem eine Ent­schei­dungs­grund­la­ge exis­tie­ren muß, auf die, um we­nigs­tens schein­bar das Bild eines Will­kürstaats zu ver­mei­den, Bezug ge­nom­men wer­den kann, muß ein Ab­so­lu­tum er­schaf­fen wer­den: ein My­thos muß ge­schaf­fen wer­den, der Schöp­fer muß un­an­ge­foch­ten an der “gottähn­lich” Spit­ze ste­hen.

 

Die­ses Zu­sam­men­spiel der In­di­vi­du­en mit ver­schie­de­nem Wis­sen und ver­schie­de­nen Mei­nun­gen ist das, was das Wesen des geis­ti­gen Le­bens aus­macht. Das Wachs­tum un­se­res Ver­nunft­wis­sens ist ein so­zia­ler Pro­zess, der sich auf sol­che Ver­schie­den­hei­ten grün­det. Es liegt in sei­nem Wesen, dass seine Er­geb­nis­se nicht vor­aus­ge­sagt wer­den kön­nen, dass wir nicht wis­sen kön­nen, wel­che An­sich­ten die­ses Wachs­tum för­dern wer­den und wel­che nicht, kurz­um, dass die­ses Wachs­tum nicht der Herr­schaft ir­gend­wel­cher An­sich­ten, die wir heute hegen, un­ter­wor­fen wer­den kann, ohne dass es gleich­zei­tig ge­hemmt wird. Den geis­ti­gen Wachs­tums­pro­zess oder auch den Fort­schritt im all­ge­mei­nen Sinne zu „pla­nen“ oder zu „or­ga­ni­sie­ren“, ist ein Wi­der­spruch in sich selbst.

Es ist die Tra­gö­die des kol­lek­ti­vis­ti­schen Den­kens, dass es dar­auf aus­geht, die Ver­nunft all­be­herr­schend zu ma­chen, aber damit endet, sie zu ver­nich­ten, weil es den Pro­zess miss­ver­steht, von dem das Wachs­tum des Ver­nunft­wis­sens ab­hängt. Man kann das in der Tat als das Pa­ra­do­xon der ge­sam­ten kol­lek­ti­vis­ti­schen Lehre und ihres Un­ter­fan­gens nach „be­wuss­ter“ Über­wa­chung oder „be­wuss­ter“ Pla­nung be­zeich­nen, dass dies not­wen­di­ger­wei­se zu der For­de­rung führt, den Geist eines be­stimm­ten In­di­vi­du­ums zum un­um­schränk­ten Herr­scher zu ma­chen. An­de­rer­seits ist nur die in­di­vi­dua­lis­ti­sche Me­tho­de des so­zi­al­wis­sen­schaft­li­chen Den­kens im­stan­de, uns die Ein­sicht in die über­in­di­vi­du­el­len Kräf­te zu ver­mit­teln, die das Wachs­tum des Ver­nunft­wis­sens be­stim­men.208 209

Die Leh­ren, von denen die füh­ren­den Krei­se in Deutsch­land sich in der vo­ri­gen Ge­ne­ra­ti­on hat­ten lei­ten las­sen, stan­den nicht im Ge­gen­satz zum so­zia­lis­ti­schen, son­dern zum li­be­ra­len Ge­halt des Mar­xis­mus, zu sei­nem In­ter­na­tio­na­lis­mus und sei­nem De­mo­kra­tis­mus. Und je kla­rer es wurde, dass ge­ra­de diese Ele­men­te der Ver­wirk­li­chung des So­zia­lis­mus im Wege stan­den, umso mehr nä­her­ten sich die So­zia­lis­ten der Lin­ken denen der Rech­ten. Es war der Zu­sam­men­schluss der an­ti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Kräf­te der Rech­ten und der Lin­ken und die Ver­schmel­zung des ra­di­ka­len mit dem kon­ser­va­ti­ven So­zia­lis­mus, die aus Deutsch­land alles, was li­be­ral war, ver­trie­ben. 211

Ab­ge­se­hen vom Ein­fuß der In­tel­lek­tu­el­len, den wir an zwei Bei­spie­len ge­zeigt haben, er­hält die Ent­wick­lung zum To­ta­li­ta­ris­mus den Haupt­an­stoß von den bei­den gro­ßen kom­pak­ten In­ter­es­sen­blocks; dem or­ga­ni­sier­ten Ka­pi­tal und der or­ga­ni­sier­ten Ar­bei­ter­schaft. Die al­ler­größ­te Ge­fahr liegt ver­mut­lich darin, dass die Po­li­tik die­ser bei­den mäch­tigs­ten Grup­pen sich auf der­sel­ben Linie be­wegt. Diese Par­al­le­li­tät er­gibt sich aus ihrer ge­mein­sa­men und oft ver­ein­bar­ten Un­ter­stüt­zung der in­dus­tri­el­len Mo­no­pol­bil­dun­gen, und ge­ra­de in die­ser Ten­denz liegt die große un­mit­tel­ba­re Ge­fahr. Es be­steht zwar kein Grund zu der An­nah­me, dass diese Be­we­gung zwangs­läu­fig ist, aber wenn wir die­sen ein­mal be­schrit­te­nen Weg wei­ter ver­fol­gen, so ist kaum daran zu zwei­feln, dass er uns zum To­ta­li­ta­ris­mus füh­ren wird. 242 243

Ka­pi­ta­lis­mus führt viel­leicht zu Pro­ble­men, aber erns­te Ge­fahr für die Frei­heit ent­steht nur dann, wenn er durch in­ter­ven­tio­nis­mus durch die Staats­macht in sei­nem “frei­en Spiel der Kräf­te” be­ein­flusst wird – Mo­no­po­lis­mus, Di­ri­gis­mus etc. zum “Wohle der All­ge­mein­heit”

 

Noch er­staun­li­cher ist viel­leicht die be­mer­kens­wer­te Sym­pa­thie, die viele So­zia­lis­ten mit dem Ob­li­ga­tio­nen be­sit­zen­den Rent­ner haben, dem die mo­no­po­lis­ti­sche Or­ga­ni­sa­ti­on der In­dus­trie häu­fig si­che­re Ein­künf­te ga­ran­tiert. Dass ihre blin­de Pro­fit­geg­ner­schaft die Men­schen dazu bringt, ein mü­he­los er­wor­be­nes fes­tes Ein­kom­men als so­zi­al oder mo­ra­lisch wün­schens­wer­ter an­zu­se­hen als Un­te­meh­mer­ge­win­ne und sich sogar mit Mo­no­po­len ab­zu­fin­den, um solch ein ga­ran­tier­tes Ein­kom­men z.B. den Be­sit­zern von Ei­sen­bah­nob­li­ga­tio­nen zu si­chern, ist eines der er­staun­lichs­ten Sym­pto­me dafür, wie wäh­rend der letz­ten Ge­ne­ra­ti­on die Wert­be­grif­fe auf den Kopf ge­stellt wor­den sind. 245

Wahr­schein­lich bie­tet über­all dort, wo Mo­no­po­le wirk­lich un­ver­meid­lich sind, die von den Ame­ri­ka­nern be­vor­zug­te Me­tho­de einer stren­gen staat­li­chen Über­wa­chung der Pri­vat­mo­no­po­le bei kon­se­quen­ter Durch­füh­rung bes­se­re Aus­sicht auf be­frie­di­gen­de Er­geb­nis­se als der Be­trieb des Mo­no­pols durch den Staat. 246

Es gibt nur zwei Mög­lich­kei­ten, ent­we­der eine Ord­nung unter der un­per­sön­li­chen Dis­zi­plin des Mark­tes (Markt­wirt­schaft AdH) oder eine vom Wil­len we­ni­ger In­di­vi­du­en be­herrsch­te ‚Ord­nung (Plan­wirt­schaft AdH), und die­je­ni­gen, die dar­auf aus­ge­hen, die erste zu zer­stö­ren, hel­fen – wis­sent­lich oder un­wis­sent­lich – die zwei­te auf­zu­rich­ten. 248


Auch wenn In­di­vi­dua­lis­mus grund­sätz­lich nicht schlecht ist, ist doch falsch ver­stan­de­ner In­di­vi­dua­lis­mus de­sastreu­se. Statt zu Ei­gen­ver­ant­wor­tung, die der In­di­vi­dua­list na­tür­lich über­nimmt, ist falsch­ver­stan­de­ner In­di­vi­dua­lis­mus (ego­is­ti­scher He­do­nis­mus) be­strebt, alle Rech­te aus­zu­kos­ten, Pflich­ten je­doch einer All­ge­mein­heit (“der Staat”), mit der man sich je­doch nicht per­so­ni­fi­ziert, zu über­las­sen. Die­ses Ver­hal­ten ist amo­ra­lisch. Selbst wenn das Hin­ter­fra­gen mo­ra­li­scher Re­geln grund­sätz­lich be­grüßt wird, so ist die Moral aber etwas, das Ant­wor­ten geben kann, wo das In­di­vi­du­um kei­nen Ein­blick in die grö­ße­ren Ver­hält­nis­se hat, haben kann oder haben will. Ein un­mo­ra­li­sches Ver­hal­ten, das auf Ego­is­mus und He­do­nis­mus fußt, führt zu Pro­ble­men. Wird an die­sem Ver­hal­ten po­li­ti­sche Ent­schei­dung ori­en­tiert und wei­ter noch, die Ei­gen­ver­ant­wor­tung immer wei­ter durch staat­li­che Len­kungs­me­cha­nis­men zu­rück­ge­drängt, dann wird das zu kei­nem guten Ende füh­ren. Dort wo ver­nünf­ti­ges Ver­ständ­nis dem ein­zel­nen nicht zu­gäng­lich ist, soll und muss Demut die Hand­lung lei­ten.

 

… Diese Auf­leh­nung ist ein Bei­spiel für eine viel all­ge­mei­ne­re Er­schei­nung, näm­lich eine noch nicht da­ge­we­se­ne Ent­schlos­sen­heit, sich kei­ner Norm oder Not­wen­dig­keit zu un­ter­wer­fen, deren lo­gi­schen Grund man nicht ein­sieht.

Es ist zwar na­tür­lich, dass, je kom­pli­zier­ter die Welt rings um uns wird, um so mehr unser Wi­der­stand gegen die Kräf­te wächst, die, ohne dass wir sie zu be­grei­fen ver­möch­ten, stän­dig un­se­ren Hoff­nun­gen und Plä­nen in die Quere kom­men; aber ge­ra­de unter die­sen Um­stän­den wird es für uns alle immer aus­sichts­lo­ser, diese Kräf­te ganz zu ver­ste­hen. 253

Der sprin­gen­de Punkt ist, dass es un­end­lich viel schwe­rer ist, lo­gisch zu er­fas­sen, warum wir uns Kräf­ten, deren Wir­kun­gen wir nicht im ein­zel­nen ver­fol­gen kön­nen, un­ter­wer­fen müs­sen, als dies zu tun aus de­mü­ti­ger Ehr­furcht, die die Re­li­gi­on oder auch nur die Ach­tung vor den Leh­ren der Na­tio­nal­öko­no­mie ein­flöß­te. Wenn wir un­se­re ge­gen­wär­ti­ge kom­ple­xe Kul­tur auch nur auf­recht­er­hal­ten sol­len, ohne dass je­mand etwas tun muss, des­sen Not­wen­dig­keit er nicht ein­sieht:, mag es in der Tat so sein, dass von jedem ein­zel­nen un­end­lich viel mehr Ein­sicht ge­for­dert würde, als heute ir­gend je­mand be­sitzt. Die Wei­ge­rung, uns Kräf­ten un­ter­zu­ord­nen, die wir weder ver­ste­hen noch als be­wuss­te Ent­schei­dun­gen eines ver­nunft­be­gab­ten We­sens an­er­ken­nen, ist die Folge eines un­voll­stän­di­gen und daher in die Irre ge­hen­den Ra­tio­na­lis­mus.254

Der Mann, der ängst­lich dar­auf be­dacht ist, sich von den Be­schrän­kun­gen, die er heute emp­fin­det, zu be­frei­en, macht sich nicht klar, dass die neuen Be­schrän­kun­gen, die an Stel­le der alten von der Obig­keit be­wusst auf­er­legt wer­den müs­sen, sogar noch drü­cken­der sein wer­den.255

Die Frei­heit, unser Ver­hal­ten sel­ber zu re­geln, wo die äu­ße­ren Um­stän­de von uns eine Ent­schei­dung for­dern, und die Ver­ant­wort­dung für die Ge­stal­tung un­se­res ei­ge­nen Le­bens nach der Stim­me un­se­res Ge­wis­sens, das al­lein ist die Luft, in der sich das sitt­li­che Ge­fühl ent­fal­ten kann und die mo­ra­li­schen Werte in frei­er Ent­schei­dung des ein­zel­nen täg­lich neu ge­schaf­fen wer den. Ver­ant­wor­tung, nicht vor einem Vor­ge­setz­ten, son­dern vor dem ei­ge­nen Ge­wis­sen, das Be­wusst­sein einer frei ge­wähl­ten Pflicht, die Not­wen­dig­keit, zu ent­schei­den, wel­che der uns am Her­zen lie­gen­den Dinge an­de­ren ge­op­fert wer­den sol­len, und die Fol­gen der ei­ge­nen Ent­schei­dung zu tra­gen  darin liegt das wahre Wesen einer Sitt­lich­keit, die die­sen Namen ver­dient. 262