Des Kanzlers Milliarde

Bun­des­kanz­ler Fay­mann will eine Mil­li­ar­de aus der Spi­tals­fi­nan­zie­rung um­wid­men. Da­ge­gen sind die üb­li­chen Ver­däch­ti­gen, die Idee ist aber gut.

An­ge­la L. (83) ist kör­per­lich gar nicht so schlecht bei­sam­men. Al­ler­dings ist sie seit einem Sturz der fes­ten Über­zeu­gung, ihre Hüfte ist ge­bro­chen. Davon kann sie nie­mand ab­brin­gen. Seit­her liegt sie meist im Bett. Um nicht auf die Toi­let­te zu müs­sen, trinkt sie viel zu wenig. So ist sie re­gel­mä­ßig voll­kom­men aus­ge­trock­net.

Ihr Neffe kommt seit Mo­na­ten zwei Mal täg­lich um zu hel­fen und die nö­tigs­te Pfle­ge zu er­le­di­gen. Er be­kniet sie, doch mo­bi­le Hilfe in An­spruch zu neh­men, was sie strikt ab­lehnt. Dafür ruft sie re­gel­mä­ßig den Not­arzt. In den letz­ten sechs Mo­na­ten war sie vier Mal im Spi­tal. Nach dem letz­ten Auf­ent­halt hat sie dann mo­bi­le Hilfe ak­zep­tiert. Al­ler­dings hat das den wei­te­ren Ver­fall nicht ab­fan­gen kön­nen. Neun Mo­na­te nach dem Sturz kam sie in ein Pfle­ge­heim, dass sie bis zu ihrem Tod ein Jahr spä­ter nicht mehr ver­las­sen hat.

Ähn­li­ches pas­siert in Ös­ter­reich jähr­lich bei Hun­dert­tau­sen­den alten Pa­ti­en­ten. Rund 600.000 Spi­tals­auf­ent­hal­te (das sind etwa 25 Pro­zent aller Auf­ent­hal­te) sind ent­we­der nicht nötig oder könn­ten aus me­di­zi­ni­scher Sicht we­nigs­ten deut­lich kür­zer sein. Rund drei bis vier Mil­lio­nen Spi­tals­ta­ge ent­ste­hen so un­nö­ti­ger­wei­se, dafür braucht man min­des­tens 10.000 (20 Pro­zent aller) Spi­tals­bet­ten.

Statt je­doch Pa­ti­en­ten wäh­rend des Auf­ent­halts zu hel­fen, ihr ei­ge­nes Leben wie­der selbst zu füh­ren, er­hal­ten sie den Spi­tals­voll­ser­vice, statt Re­ha­bi­li­ta­ti­on krie­gen sie hoch­tech­ni­sier­te Me­di­zin, statt bes­ser auf zu Hause vor­be­rei­tet zu wer­den, wer­den sie wie ein Pfle­ge­fall rund um die Uhr im Bett be­treut. Im Grun­de wäre für diese Pa­ti­en­ten alles bes­ser als ein Spi­tal, und doch ver­sor­gen wir sie dort.

Die 10.000 Spi­tals­bet­ten kos­ten min­des­tens eine Mil­li­ar­de Euro. Wür­den die Pa­ti­en­ten auf spe­zi­el­len Ent­las­sungs­ab­tei­lun­gen lie­gen, gäbe es aus­rei­chend Kurz­zeit- und Ta­ges­pfle­ge­plät­ze, die wie Spi­tals­bet­ten als Sach­leis­tung vor­ge­hal­ten wür­den, würde die Ver­sor­gung der Pa­ti­en­ten nur etwa 400 Mil­lio­nen kos­ten, 600 Mil­lio­nen we­ni­ger. Damit könn­te man bei­spiels­wei­se das Pfle­ge­geld um 30 Pro­zent er­hö­hen, oder aber die mo­bi­len Diens­te we­nigs­tens teil­wei­se als Sach­leis­tung zur Ver­fü­gung stel­len, und das rie­si­ge Pfle­ge­pro­blem deut­lich mil­dern.

Wenn dem Kanz­ler vor­schwebt, Bun­des­gel­der aus der Spi­tals­fi­nan­zie­rung in einen Ge­ne­ra­tio­nen­fonds zu ver­la­gern, und er dabei an die Ab­stim­mung zwi­schen Pfle­ge und Spi­tä­lern ge­dacht hat, dann ist die Idee wohl­feil; und zudem rea­li­sier­bar – theo­re­tisch!

Ak­tu­ell krie­gen die Spi­tä­ler etwa eine Mil­li­ar­de Euro di­rekt aus dem Steu­er­topf. Der Kanz­ler könn­te, wenn er die Re­gie­rung über­zeugt, das Geld um­wid­men. Er könn­te eine bun­des­steu­er­lich ko­fi­nan­zier­te ab­ge­stuf­te Ver­sor­gung zwi­schen Spi­tä­lern und Pfle­ge an­sto­ßen und die un­mensch­li­che Schnitt­stel­le zwi­schen der Spi­tals- und der Pfle­ge­welt mensch­li­cher ge­stal­ten.

Al­ler­dings ist die Um­schich­tung von so viel Geld keine leich­te Auf­ga­be. Es würde be­deu­ten, dass groß­flä­chig Spi­tals­ab­tei­lun­gen um­ge­wid­met oder sogar ge­schlos­sen wer­den müss­ten. Ob da die Bun­des­län­der, ohne die es dank Fö­de­ra­lis­mus nicht geht, mit­ge­hen, ist frag­lich. Die Ärz­te­kam­mer hat be­reits ihr Njet ein­ge­legt. Und wenn ich mir die zu­stän­di­gen Mi­nis­ter (Fi­nanz und Ge­sund­heit) an­schaue, dann wage ich zu zwei­feln, ob selbst bei einem lei­sen Nein von Län­dern oder So­zi­al­part­nern ernst­haft Schrit­te an­ge­dacht wer­den.

Also wird es blei­ben wie es ist: un­mensch­lich, teuer aber das „Beste der Welt“.

Die­ser Ar­ti­kel wurde im De­zem­ber 2009 in ähn­li­cher Form in der Wie­ner Zei­tung ver­öf­fent­licht.