Totgeburt des PHC-Gesetzes? Ein Erfolg für wen?

(Le­se­zeit 14 Mi­nu­ten) Ei­ni­ger­mas­sen ver­wir­rend sind die Aus­sa­gen der Ärz­te­kam­mer, bzw. des­sen Ku­ri­en­ob­mann Dr. Stein­hart, zum nun in Be­gut­ach­tung ge­gan­ge­nen Pri­mär­ver­sor­gungs­ge­setz (PVG) . An­geb­lich wurde es we­sent­lich ver­bes­sert und ein Ver­hand­lungs­er­folg er­zielt, weil „Pa­ti­en­ten nicht plötz­lich ihren Ver­trau­ens­arzt ver­lie­ren und Ärz­ten die Stand­ort- und Pla­nungs­si­cher­heit er­hal­ten bleibt.

Ganz so aber kann das nicht sein, denn die als Er­folg ver­kauf­ten Tat­sa­chen, wie der Er­halt des Ge­samt­ver­trags oder die Be­vor­zu­gung von Kas­sen­ärz­ten vor Am­bu­la­to­ri­en waren be­reits im ur­sprüng­li­chen Ent­wurf.

Warum also eine Ver­bes­se­rung?

Wirk­lich ge­än­dert haben sich drei Dinge – und die sind in Kom­bi­na­ti­on mei­nes Er­ach­tens als Miss­er­folg zu wer­ten, wenn es darum geht eine Stär­kung der Haus­ärz­te er­rei­chen zu wol­len. Wenn es darum geht, aus dem Ent­wurf eine Tot­ge­burt zu ma­chen, dann al­ler­dings war es ein Er­folg.

Wei­ter­le­sen „Tot­ge­burt des PHC-Ge­set­zes? Ein Er­folg für wen?“

Ärztekammerwahlkampf auf Ciceros Spuren

Gegen „Pri­mär­ver­sor­gungs­zen­tren“ wird mo­bi­li­siert – doch worum geht es wirk­lich?

Wei­ter­le­sen: Ärz­te­kam­mer­wahl­kampf auf Ci­ce­ros Spu­ren

   Der Ge­set­zes­ent­wurf für die neue Pri­mär­ver­sor­gung in Ös­ter­reich spricht von Pri­mär­ver­sor­gungs­EIN­HEI­TEN (PVE), die als ZEN­TREN oder NETZ­WER­KE or­ga­ni­siert sein kön­nen. Sie sol­len von den nie­der­ge­las­se­nen Kas­sen-Haus­ärz­ten, als Ei­gen­tü­mer und Be­trei­ber, ge­bil­det wer­den – wohn­ort­nah. Nie­mand wird „sei­nen“ Haus­arzt ver­lie­ren. Da be­ste­hen­de Ver­trä­ge nicht an­ge­rührt wer­den, wird auch kein Arzt ge­zwun­gen mit­zu­ma­chen. Es muss sich auch kei­ner sor­gen, dass ihm Kon­kur­renz vor die Nase ge­setzt wird, denn es wird wei­ter Ge­samt­ver­trä­ge zwi­schen Kas­sen und Ärz­te­kam­mern geben; die wei­ter ver­bind­li­che und vor Kon­kur­renz schüt­zen­de Stel­len­plä­ne ent­hal­ten. PVEs sind nicht star­re Struk­tu­ren, son­dern fle­xi­ble Ein­hei­ten, deren Mit­ar­bei­ter (das PHC-Team) selbst­ent­wi­ckel­te Ver­sor­gungs­kon­zep­te rund um ihre Pa­ti­en­ten um­set­zen sol­len. Je nach Kon­zept wird die per­so­nel­le und in­fra­struk­tu­rel­le Aus­stat­tung aus­se­hen. Wegen lang­fris­ti­ger Über­gangs­re­geln wird eine Viel­falt von Mo­del­len ent­ste­hen. Des­we­gen wird es auch die für Ket­ten­bil­dung („Mc­Do­nal­di­sie­rung“) wich­ti­gen Ska­len­ef­fek­te nicht geben und damit keine Kon­zer­ne oder an­ony­me Fi­nan­ziers. Das Ge­setz wird auch be­herr­schen­de Ei­gen­tü­mer­struk­tu­ren ver­bie­ten. Und weil PVE-Ver­trä­ge ein völ­lig neues Ho­no­rie­rungs­mo­dell er­hal­ten, wird es auch zu kei­nen Dum­ping­ta­ri­fen kom­men. Eine kon­takt­un­ab­hän­gi­ge Grund­pau­scha­le wird In­fra­struk­tur und nicht­ärzt­li­ches Per­so­nal fi­nan­zie­ren, dazu kom­men Fall­pau­scha­len, Ein­zel­leis­tungs­ver­gü­tun­gen sowie Bo­nus­zah­lun­gen – fi­nan­ziert durch zu­sätz­li­ches Geld. Was also be­wegt die Ärz­te­kam­mer, allen voran Vi­ze-Prä­si­den­ten Jo­han­nes Stein­hart, hef­tigst da­ge­gen zu mo­bi­li­sie­ren? Sorge um die Ärz­te­schaft? Um die Pa­ti­en­ten? Ich denke, da­hin­ter steckt nur Wahl­kampf. Vor fünf Jah­ren hat der am­tie­ren­de Prä­si­dent Tho­mas Sze­ke­res mit einer aben­teu­er­li­chen Ko­ali­ti­on die Erb­pacht auf das Prä­si­den­ten­amt der Frak­ti­on be­en­det, der Stein­hart an­ge­hört. Und die­sen „Feh­ler“ gilt es zu kor­ri­gie­ren. Stein­hart will auch ös­ter­rei­chi­scher Ärz­te­kam­mer­prä­si­dent wer­den – das geht nur, wenn er zuvor Wie­ner Prä­si­dent wird. Da im letz­ten Jahr sein Kon­kur­rent Sze­ke­res sich rund um den Kon­flikt mit Stadt­rä­tin Sonja Weh­se­ly stark pro­fi­lie­ren konn­te, ist Stein­harts Aus­gangs­po­si­ti­on schwach. Weil je­doch tie­fes Miss­trau­en ge­gen­über le­gi­ti­mier­ten Po­li­ti­kern und der Markt­wirt­schaft der Kitt ist, der fast alle Ärzte zu­sam­men­hält, wer­den Kli­schees be­dient: Es komme zu einer Ver­staat­li­chung durch pro­fit­ori­en­tier­te In­ves­to­ren, die Ärzte „zu ab­hän­gi­gen Ge­sund­heits­dienst­leis­tern“ und „Nor­mun­ter­wor­fe­nen“ de­gra­die­ren und mit Dum­ping-Ta­ri­fen ab­spei­sen wol­len. Egal wie ab­surd die Ar­gu­men­te sind und wie wenig sie mit der Rea­li­tät zu tun haben – es wer­den äu­ße­re Fein­de der Ärzte (und Pa­ti­en­ten) sti­li­siert, um in­ne­re So­li­da­ri­tät zu pro­vo­zie­ren. Denn was emp­fiehlt schon Ci­ce­ro: „Passe Deine Aus­sa­gen an die Grün­de an, warum dich einer un­ter­stützt“, und: „Sieh zu, dass dein gan­zer Wahl­kampf eine bril­lan­te, glän­zen­de und po­pu­lä­re Show ist, die größ­te Auf­merk­sam­keit er­zielt.“

„Wie­ner Zei­tung“ Nr. 052 vom 16.03.2017  

Kriegserklärung über den Finanzausgleich

Die Wie­ner Ärz­te­kam­mer hat dem Ver­hand­lungs­duo aus Stadt­re­gie­rung und Ge­biets­kran­ken­kas­se ein „10-Punk­te-Pro­gramm“ vor­ge­legt.

Wei­ter­le­sen: Kriegs­er­klä­rung über den Fi­nanz­aus­gleich

   Diese Punk­te lasen sich wie ein Ul­ti­ma­tum. Ge­for­dert wur­den unter an­de­rem etwa 50 Pro­zent mehr Kas­sen­stel­len für Fach­ärz­te, Ein­glie­de­rung von Rönt­gen­am­bu­la­to­ri­en in die Ärz­te­kam­mer, Rück­nah­men di­ver­ser Maß­nah­men und na­tür­lich zu­sätz­li­che fi­nan­zi­el­le Mit­tel. Und Ärz­te­kam­mer Vize Jo­han­nes Stein­hart weiß auch, woher die kom­men soll­ten: aus dem Fi­nanz­aus­gleich. Wird alles er­füllt, führt das zur Be­ru­hi­gung der Ärz­te­schaft (oder der Ärz­te­kam­mer­funk­tio­nä­re- wer weiß das schon).

   Er­staun­lich war die da­ma­li­ge, be­son­ne­ne Re­ak­ti­on von Stadt­rä­tin Sonja Weh­se­ly und WG­KK-Ob­frau In­grid Reischl – beide nicht für kon­flikt­scheue Po­li­tik be­rühmt. Ruhig for­mu­lie­ren sie, dass, „die Zu­sam­men­ar­beit aller wich­ti­gen In­sti­tu­tio­nen im Ge­sund­heits­we­sen un­um­gäng­lich ist.“ Nun, im Nach­hin­ein hat das eine an­de­re Kon­no­ta­ti­on. Denn, wie es aus­sieht, haben „alle wich­ti­gen In­sti­tu­tio­nen“ (Lan­des­rä­te und Kas­seno­bleu­te) die Kriegs­er­klä­rung der Ärz­te­kam­mer an­ge­nom­men und kon­tern mit Ge­heim­ver­hand­lun­gen rund um den Fi­nanz­aus­gleich.

   Fi­nanz­aus­gleichs­ver­hand­lun­gen die­nen nor­ma­ler­wei­se nicht dazu, große Re­for­men zu kon­zi­pie­ren. Umso über­ra­schen­der nun die In­for­ma­tio­nen, die je­doch nur durch die Ärz­te­kam­mer ver­brei­tet wer­den. Kein re­gie­ren­der Po­li­ti­ker oder Kas­sen­funk­tio­när hat sich ge­äu­ßert. Me­di­en­be­rich­te sind dürf­tig – was damit zu­sam­men­hängt, dass sich keine der „wich­ti­gen In­sti­tu­tio­nen“ äu­ßert, und damit Jour­na­lis­ten zwingt, zu spe­ku­lie­ren – was die wegen der Sorg­falts­pflicht je­doch nicht sol­len. Aber in die­sem un­über­prüf­ba­ren ge­hei­men Ge­heim­pa­pier – von dem ich aus­ge­he, dass es exis­tiert – steht re­vo­lu­tio­nä­res.

   Wahl­ärz­te sol­len in Ver­sor­gungs­wirk­sa­me und die Nicht-Ver­sor­gungs­wirk­sa­me ge­teilt wer­den. Pa­ti­en­ten, die zu letz­te­ren gehen, wer­den von ihren Pflicht­kran­ken­kas­sen keine Rück­erstat­tung be­kom­men. Kas­sen­stel­len sol­len ohne Mit­spra­che der Ärz­te­kam­mer ge­stri­chen wer­den kön­nen, es soll zu einer Gleich­stel­lung von Am­bu­la­to­ri­en und Kas­sen­ärz­ten kom­men (was das heißt, wurde das letz­te Mal hier er­läu­tert), und deren Ver­tei­lung völ­lig neu auf­ge­stellt wer­den. Dazu die Idee, Spi­tals­am­bu­lan­zen auf Kos­ten nie­der­ge­las­se­ner Ärzte zu stär­ken. Und über alles ent­schei­den aus­schließ­lich „alle wich­ti­gen In­sti­tu­tio­nen“ – die uns aber nicht sagen, wie und warum.

   Wenn das wahr ist, ist das eine Re­vo­lu­ti­on, keine Re­form. Denn, mei­ner Ein­schät­zung nach geht das ohne Ver­fas­sungs­än­de­rung gar nicht und wi­der­spricht wohl auch dem EU-Recht.

   Aber das gra­vie­rends­te ist, dass hier unter Aus­schluss der Öf­fent­lich­keit etwas be­schlos­sen wird, nur um die Ärz­te­käm­me­rer aus­zu­schal­ten. Zwar ist es ver­ständ­lich, dass die über­schie­ßen­den und hef­ti­gen Ak­tio­nen der Ärz­te­kam­mer ir­gend­wann ein­mal zu deren Aus­schal­tung füh­ren müs­sen – aber ich frage mich, ob das der Weg ist? Denn, liege ich rich­tig, wird hin­künf­tig Ge­sund­heits­po­li­tik nur mehr in den hin­ters­ten Hin­ter­zim­mern „aller wich­ti­gen In­sti­tu­tio­nen“ ge­macht. Doch so ein pa­ter­na­lis­ti­sches, in­trans­pa­ren­tes und bü­ro­kra­ti­sches Vor­ge­hen ist für uns alle schlecht, weil es nicht funk­tio­nie­ren kann.

„Wie­ner Zei­tung“ Nr. 210 vom 27.10.2016 

75.390 Unterschriften gegen Dumpingmedizin

Fak­ten­frei­es Dis­ku­tie­ren ist ge­sund­heits­po­li­ti­scher Sport. Die fak­ten­freie Mo­bi­li­sie­rung der Ärz­te­kam­mer gegen das PHC-Ge­setz ist aber be­denk­lich.

Wei­ter­le­sen: 75.390 Un­ter­schrif­ten gegen Dum­ping­me­di­zin

   „Die Ge­sund­heits­po­li­tik schafft mit dem PHC-Ge­setz eine ge­fähr­li­che Par­al­lel­struk­tur, wel­che Schritt für Schritt die Haus­ärz­te er­set­zen soll und eine Dum­ping­me­di­zin er­schafft – der bil­ligs­te Preis und nicht die beste Pa­ti­en­ten­ver­sor­gung ste­hen hier im Vor­der­grund“, „75.390 Un­ter­schrif­ten sind für uns ein kla­rer Auf­trag, den Haus­arzt zu stär­ken und die­ses PHC-Ge­setz mit allen Mit­teln zu ver­hin­dern.“

   Er­staun­lich, ak­tu­ell gibt es noch nicht ein­mal einen Ge­set­zes­ent­wurf. Was es gibt, ist ein Ver­hand­lungs­ent­wurf, und der ist Ge­rüch­ten zu Folge der­ma­ßen ge­heim, dass er nur in Pa­pier­form mit per­sön­li­cher Kenn­zeich­nung über­ge­ben wurde, und auch von der Ärz­te­kam­mer nicht ver­öf­fent­licht wird.

   Das än­dert nichts daran, dass der Vi­ze­prä­si­dent der Ärz­te­kam­mer Jo­han­nes Stein­hart, eine Kam­pa­gne fährt. Die Ärzte wur­den per Rund­schrei­ben über das Ge­setz, das „alle Be­fürch­tun­gen der Ärz­te­ver­tre­tung be­stä­tigt“, in­for­miert. Die wie­der­um dürf­ten Pa­ti­en­ten in­for­miert haben, was zur Folge hatte, dass 75.390 Men­schen gegen etwas un­ter­schrie­ben, das sie nicht ken­nen; das prak­tisch nie­mand kennt, von dem aber si­cher sei, dass es zum Un­ter­gang der bes­ten Pa­ti­en­ten­ver­sor­gung und dem Aus­ster­ben der Haus­ärz­te füh­ren könn­te.

   Was will die Ärz­te­kam­mer ret­ten? Die Haus­ärz­te? Die Pa­ti­en­ten­ver­sor­gung? Was sagen die Fak­ten?

   Laut Ge­sund­heits­be­fra­gun­gen 2007 und 2014 (da­zwi­schen gab es keine) ist die Quote der Be­völ­ke­rung über 60, die we­nigs­tens ein­mal einen Haus­arzt auf­such­te, von etwa 90 auf auf 80 Pro­zent ge­sun­ken – man meint das ist nicht schlimm, aber das ist falsch: Men­schen die­ser Al­ters­grup­pe brau­chen Ärzte. Weil ich gerne mit Dä­ne­mark ver­glei­che: Dort gehen 95­Pro­zent zu ihrem Haus­arzt. Wo gehen die ös­ter­rei­chi­schen Pa­ti­en­ten hin? Genau, zum Fach­arzt. Haben 2007 etwa 42 Pro­zent der Ös­ter­rei­cher über 60 einen (Wahl-)Fach­arzt auf­ge­sucht, sind es 2014 sa­gen­haf­te 67 Pro­zent (Aus­druck der zu­neh­men­den Be­liebt­heit der Wahl­ärz­te, die in öf­fent­li­chen Sta­tis­ti­ken ver­leug­net wird). Zum Ver­gleich, in Dä­ne­mark waren nur 46 Pro­zent der Be­völ­ke­rung über 60 bei einem Fach­arzt. Bei den unter 60-Jäh­ri­gen ist es noch deut­li­cher: Dä­ne­mark: 25 Pro­zent, Ös­ter­reich 61 Pro­zent.

   Hät­ten wir das dä­ni­sche Ver­sor­gungs­sys­tem, das ein gut aus­ge­bau­tes PHC hat, wären 762.000 Ös­ter­rei­cher (über 15) 2014 zu­sätz­lich zum Haus­arzt ge­gan­gen, dafür aber 2,4 Mil­lio­nen nicht zum Fach­arzt.

   Be­denkt man, dass Dänen un­ge­fähr gleich viel Geld aus­ge­ben, aber deut­lich sel­te­ner zum Arzt gehen, weiß man, warum dort Ärzte zu­frie­den sind. Sie haben pro Pa­ti­ent mehr Zeit. Und weil Dänen über 65 noch 13 ge­sun­de Le­bens­jah­re vor sich haben, Ös­ter­rei­cher aber nur 9, sind auch Pa­ti­en­ten zu­frie­den.

   Wenn nun er­klärt wird, dass mit allen Mit­tel das PHC-Ge­setz ver­hin­dert wer­den muss: Ist es, um den Haus­arzt zu stär­ken und die beste Pa­ti­en­ten­ver­sor­gung zu ret­ten?    PS: Wenn die Zahl der Fach­arzt­be­su­che an­ge­stie­gen ist, sind die Spi­tals­am­bu­lan­zen ent­las­tet wor­den? Nein, auch hier gibt es 50 Pro­zent Stei­ge­rung: 2014 sind 32 Pro­zent der Ös­ter­rei­cher über 15 we­nigs­tens ein­mal in einer Am­bu­lanz ge­we­sen, in Dä­ne­mark nur 22 Pro­zent

„Wie­ner Zei­tung“ Nr. 074 vom 15.04.2016    

Die Angst der Ärztekammer vor der Primärversorgung

Pri­mär­ver­sor­gung ist in­ter­na­tio­nal er­folg­reich und er­probt und will mög­lichst alle ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­me mög­lichst wohn­ort­nah adres­sie­ren.

Wei­ter­le­sen: Die Angst der Ärz­te­kam­mer vor der Pri­mär­ver­sor­gung

   Pri­mär­ver­sor­gung agiert nach dem Bio-Psy­cho-So­zia­len Krank­heits­mo­dell, das eben nicht nur eine bio­lo­gisch nach­weis­ba­re Krank­heit be­han­delt, son­dern auch seine Aus­wir­kun­gen: ein ein­sa­mer Mensch emp­fin­det Kopf­schmer­zen an­ders als ein so­zi­al ein­ge­bun­de­ner Mensch – der eine braucht Zu­spruch, der an­de­re nimmt selbst eine Ta­blet­te.

   Die Ein­rich­tun­gen, in denen Pri­mär­ver­sor­gung statt­fin­den soll, wer­den Pri­ma­ry Health Care Cen­ter, kurz PHC, ge­nannt, müs­sen von der Prä­ven­ti­on über Ku­ra­ti­on, Re­ha­bi­li­ta­ti­on bis zur Pfle­ge alles an­bie­ten kön­nen. Damit sind nicht nur Kas­sen, son­dern auch Pen­si­ons­ver­si­che­rung und Län­der zu­stän­dig.

   Der Ge­samt­ver­trag, um den es ak­tu­ell geht, wird NUR zwi­schen Kran­ken­kas­sen und Ärz­te­kam­mern ab­ge­schlos­sen und kann nur ab­de­cken, für das Kran­ken­kas­sen zu­stän­dig sind, prak­tisch nur den ku­ra­ti­ven Be­reich. Das ist zu wenig.

   Und weil jede Re­gi­on etwas an­de­res braucht (Waid­ho­fen ist nicht St. Pöl­ten), ist die Fle­xi­bi­li­tät über be­ste­hen­de Ge­samt­ver­trags­re­ge­lung, die Pa­ti­en­ten nicht nach ihren Le­bens­um­stän­den, son­dern nur nach ihrer Ver­si­che­rung klas­si­fi­ziert, nicht ge­ge­ben. Daher braucht es, wie bei Am­bu­la­to­ri­en heute schon, Ein­zel­ver­trä­ge, um nach re­gio­na­lem Be­darf zwi­schen An­ge­bot und Nach­fra­ge zu ver­mit­teln – es sei denn, wir wol­len diese Auf­ga­be dem Markt über­las­sen.

   Der Ärz­te­kam­mer-Vi­ze­prä­si­dent Jo­han­nes Stein­hart greift die Idee die­ser Ein­zel­ver­trä­ge hef­tig an. Er er­klärt, dass „große in­ter­na­tio­na­le Kon­zer­ne die Chan­ce nüt­zen, die PHC-Zen­tren zu über­neh­men und PHC-Ket­ten nach aus­schließ­lich be­triebs­wirt­schaft­li­chen Über­le­gun­gen zu füh­ren. Das wäre ein Groß an­griff auf die so­zia­le Me­di­zin, weil damit die so­zia­le Ver­sor­gung nicht mehr vom ärzt­li­chen Ethos ge­steu­ert wird, son­dern von aus­schließ­lich ka­pi­ta­lis­ti­schem Ethos, und die Ge­sund­heits­ver­sor­gung gleich­sam ins Aus­land ,ver­kauft‘ wird“.

   Wenn das nicht pas­siert, dann wird aber eine staat­li­che Zen­tral­macht kom­men, die „bis ins De­tail den Ton an­ge­ben könn­te“ und damit die „PHC am Gän­gel­band der Ob­rig­keit“ hän­gen.

   Am Ende ist klar, über­all sind Fein­de, die „die be­ste­hen­den Ver­sor­gungs­struk­tu­ren zer­stö­ren“. Der ein­zi­ge Ret­ter des „seit mehr als 100 Jah­ren funk­tio­nie­ren­den Mo­dells“ ist die Ärz­te­kam­mer.

   Ei­gent­lich geht es nur um den Ge­samt­ver­trag und das Mo­no­pol­recht der Ärz­te­kam­mer, die­sen zu ver­han­deln. Das ist das ein­zi­ge echte Macht­in­stru­ment der Ärz­te­kam­mer. Es zu ver­lie­ren, heißt Macht ver­lie­ren. Eine Macht, die oh­ne­hin nur um der Macht wil­len exis­tiert.

   Denn in Län­dern, in denen eine funk­tio­nie­ren­de Pri­mär­ver­sor­gung be­steht, geht es den Haus­ärz­ten deut­lich bes­ser. Und be­denkt man, dass auch Spi­tals­ärz­te (Stich­wort EU-Ar­beits­zeit) nicht gut und Wahl­ärz­te noch nie wirk­lich ver­tre­ten waren, dann blei­ben etwa 4000 Kas­sen­fach­ärz­te übrig, um die es nun geht: 4000 von 42.000!    Und um auch die an­de­ren 38.000 Ärzte zu mo­bi­li­sie­ren, muss man mit allen Ängs­ten und Res­sen­ti­ments spie­len (aus­län­di­sches Groß­ka­pi­tal und zen­tral­staat­li­cher Macht­ap­pa­rat), egal wie wi­der­sprüch­lich (Ver­staat­li­chung oder Pri­va­ti­sie­rung – was ist es ei­gent­lich jetzt?) es auch sein mag

„Wie­ner Zei­tung“ Nr. 175 vom 10.09.2015  

Sind Turnusärzte keine Ärzte?

Ak­tu­ell bahnt sich einer jener pein­lich-klein­li­chen Macht­kämp­fe an, die unser Ge­sund­heitsys­tem satt­sam hat und deren ich so über­drüs­sig bin.

Auf der einen Seite, Peter Mc­Do­nald, Chef des Haupt­ver­ban­des, der via Me­di­en gerne mit­teilt, wie gut alles ist, weil wir so viele Kas­sen haben, und dass er stolz ist, dass wir statt einer Credit-Card in Ös­ter­reich nur die e-Card brau­chen, um alles zu krie­gen was wir brau­chen.

Nun, al­lei­ne die­ser Kar­ten­ver­gleich stößt bei mir re­gel­mä­ßig auf, weil er an Po­pu­lis­mus prak­tisch nicht zu über­bie­ten ist. Wei­ter­le­sen „Sind Tur­nus­ärz­te keine Ärzte?“