Das Narrativ einer echten Gesundheitsreform

Warum wir eine Ge­sund­heits­re­form brau­chen, die sich am Pa­ti­en­ten­wohl und nicht an Macht­struk­tu­ren ori­en­tiert.

Wei­ter­le­sen: Das Nar­ra­tiv einer ech­ten Ge­sund­heits­re­form

   Frau M. (78) lebt al­lei­ne. Die häu­fi­gen Be­su­che ihrer Toch­ter rei­chen aus, dass sie mit dem täg­li­chen Leben keine Schwie­rig­kei­ten hat. Zudem kom­men oft ihre Enkel samt Ur-En­kel vor­bei. Das freut sie, und für diese hält sie sich auch fit. Eines Tages be­kommt sie Fie­ber. Der Haus­arzt dia­gnos­ti­ziert eine Lun­gen­ent­zün­dung und schickt sie ins Spi­tal. Dort wird sie auf Pneu­mo­kok­ken-Pneu­mo­nie sie­ben Tage lang be­han­delt. Im Kran­ken­haus lässt ihre in­tel­lek­tu­el­le Kraft Tag für Tag nach. Als sie wie­der nach Hause kommt, ist sie ver­wirrt. Die Fa­mi­lie ist über­for­dert. Statt auf pro­fes­sio­nel­le (und kost­spie­li­ge) Hilfe zu set­zen, ver­sucht sie mit häu­fi­ge­ren Be­su­chen und der Über­nah­me von Tä­tig­kei­ten, die Frau M. frü­her selbst er­le­digt hat, zu hel­fen. Aber alles hilft nicht, Frau M. däm­mert immer mehr ein. Sechs Mo­na­te spä­ter muss sie ins Heim, wo sie, schwer de­ment, nach drei Jah­ren stirbt.

   Was ist pas­siert? Der Spi­tals­auf­ent­halt hat Frau M. aus der Bahn ge­wor­fen. Er stell­te ein Life-Event dar, das, weil nicht rich­tig be­han­delt (re­ak­ti­vie­ren­de Pfle­ge), zur „De­kom­pen­sa­ti­on“ führ­te – die durch ei­ge­nen Wil­len und Trai­ning hint­an ge­hal­te­ne (kom­pen­sier­te) De­menz tritt plötz­lich auf.

Der in­itia­le Spi­tals­auf­ent­halt hat etwa 4000 Euro ge­kos­tet. Das Pfle­ge­heim, das sich die Fa­mi­lie nicht leis­ten konn­te, wurde von der So­zi­al­ab­tei­lung be­zahlt und kos­te­te bis zum Tod von Frau M. 40.000 Euro. War das nötig? Nein. Be­gin­nen wir damit, dass der Haus­arzt die Pneu­mo­nie zu Hause be­han­deln und den Spi­tals­auf­ent­halt, der ja Aus­lö­ser war, ver­mei­den hätte kön­nen. Kos­ten, viel­leicht 1500 Euro, die ak­tu­ell nur un­zu­rei­chend vom Kas­sen­sys­tem ge­tra­gen wer­den. Das Sys­tem ver­drängt ge­ra­de äl­te­re Pa­ti­en­ten ins Spi­tal.

   Dann das Heim. Auch das wäre nicht nötig ge­we­sen. Würde be­darfs­ori­en­tier­te Pfle­ge ge­nau­so als Sach­leis­tung zur Ver­fü­gung ste­hen wie das Spi­tal, hätte Frau M. für ein paar Wo­chen täg­lich eine re­ak­ti­vie­ren­de Pfle­ge und al­len­falls eine Haus­halts­hil­fe er­hal­ten, die zu­sam­men viel­leicht 3000 Euro ge­kos­tet und den Ver­lauf hät­ten mil­dern oder gar ver­hin­dern kön­nen. Macht in Summe 4500 Euro, ein Zehn­tel der Summe, die auf­ge­bracht wurde – und das bei einem deut­lich bes­se­ren Er­geb­nis.

Na­tür­lich ist das sim­pel ge­dacht. Die Welt wäre leicht zu ret­ten, wenn alles so ein­fach wäre, aber vie­les deu­tet dar­auf hin, dass es, bei sin­ken­den Kos­ten, ge­ra­de bei alten Men­schen viel bringt, Spi­tals­auf­ent­hal­te zu ver­mei­den. Und selbst wenn wir an­neh­men, dass die Kos­ten nicht ge­senkt wer­den kön­nen, eines hät­ten wir je­den­falls er­reicht: eine hö­he­re Le­bens­qua­li­tät, nicht nur für die Pa­ti­en­tin, son­dern auch für die Fa­mi­lie.

   Um das zu er­rei­chen, müss­ten die Res­sour­cen (das ist mehr als Geld), die wir ins Ge­sund­heits- und Pfle­ge­sys­tem ste­cken, in eine pa­ti­en­ten­ori­en­tier­te Ver­sor­gung in­ves­tiert wer­den. Doch genau das ist nicht mög­lich. Denn wir ver­tei­len nur Gel­der nach (Macht)Silos – ins Kas­sen­sys­tem, ins Spi­tal­sys­tem, ins Pfle­ge­sys­tem. Und dann küm­mert sich jedes Sys­tem mit vol­lem, ver­fas­sungs­mä­ßig fi­xier­tem Recht um sich selbst. Nur eine Ver­fas­sungs­än­de­rung könn­te diese Macht­blö­cke daran er­in­nern, wofür sie da sind.

„Wie­ner Zei­tung“ Nr. 209 vom 27.10.2017