Kognitive Dissonanz und Verdrängung

   Wer im 10. Stock aus dem Fens­ter springt, kann auf Höhe des 3. Stocks be­haup­ten: Es ist eh nichts pas­siert.

Wei­ter­le­sen: Ko­gni­ti­ve Dis­so­nanz und Ver­drän­gung

   Üb­li­cher­wei­se ist die ko­gni­ti­ve Dis­so­nanz ein un­an­ge­neh­mes Ge­fühl, das dann auf­tritt, wenn das, was man er­lebt, im Ge­gen­satz zu dem steht, was man er­war­tet. Das kann na­tür­lich damit zu­sam­men­hän­gen, dass man eine si­che­re Er­war­tung hat, die ab­surd ist. Wer meint, er könne einen Ball in den Welt­raum schie­ßen, soll­te er­ken­nen, dass seine Mei­nung schlicht falsch ist, und keine ko­gni­ti­ve Dis­so­nanz ent­wi­ckeln be­zie­hungs­wei­se die­ses eben da­durch lösen, dass er die Gra­vi­ta­ti­on an­er­kennt und damit seine Er­war­tun­gen an­passt. In vie­len Fäl­len soll­ten die Selbst­re­fle­xi­on der ei­ge­nen Mei­nung und die An­pas­sung der­sel­ben an die Rea­li­tät zur Lö­sung bei­tra­gen kön­nen.

   An­ders ist es, wenn man sich mit dem ös­ter­rei­chi­schen Ge­sund­heits­sys­tem be­schäf­tigt. Wer sich hier mit rea­len Daten und Fak­ten be­schäf­tigt und dann die Aus­sa­gen und Maß­nah­men der Ent­schei­dungs­trä­ger be­ob­ach­tet, wird die ko­gni­ti­ve Dis­so­nanz nicht los.

Wenn etwa der Ärz­te­man­gel ver­kün­det wird, ob­wohl wir pro Ein­woh­ner mehr Ärzte haben als jedes an­de­re EU-Land, und die For­de­rung nach mehr Stu­di­en­plät­zen er­ho­ben wird, auch wenn wir 60 Pro­zent mehr Ab­sol­ven­ten haben als im EU-Schnitt – dann passt was nicht zu­sam­men. Oder wenn In­ten­siv­bet­ten über­füllt sind, ob­wohl wir dop­pelt so viele Bet­ten haben wie die meis­ten in der EU. Oder wenn War­te­zei­ten auf or­tho­pä­di­sche Ope­ra­tio­nen län­ger sind als in Groß­bri­tan­ni­en, ob­wohl wir die meis­ten Or­tho­pä­die­sta­tio­nen pro Ein­woh­ner haben – dann passt was nicht zu­sam­men. Oder wenn es keine Ter­mi­ne bei Kas­senu­ro­lo­gen gibt, ob­wohl wir dop­pelt so viele haben wie Deutsch­land. Oder wenn ver­spro­chen wird, dass im öf­fent­li­chen Sys­tem alle alles auf al­ler­höchs­tem Ni­veau, immer und über­all und kos­ten­los krie­gen, aber Kin­der un­ter­ver­sorgt sind – dann passt was nicht zu­sam­men. Oder auch all­ge­mei­ner, wenn jahr­zehn­te­lang stän­dig davon ge­spro­chen wird, dass wir das beste Ge­sund­heits­sys­tem der Welt haben, um das uns alle be­nei­den, aber nie­mand auf der Welt auch nur ver­sucht, un­se­re zer­split­ter­te Kom­pe­tenz­la­ge nach­zu­ah­men, ganz im Ge­gen­teil. Oder wenn fest­ge­hal­ten wird, dass in un­se­rem Sys­tem die E-Card reicht und kei­ner die Kre­dit­kar­te braucht, ob­wohl wir seit vie­len Jah­ren zu den Län­dern zäh­len, die hohe Zu­zah­lun­gen und viele Zu­satz­ver­si­cher­te haben – dann passt was nicht zu­sam­men.

   Jede fak­ten­freie Be­haup­tung und jede fak­ten­freie Maß­nah­me, denn von denen gibt es dank po­li­ti­schem Ak­tio­nis­mus eben­falls un­end­li­che viele, führt bei denen, die sich mit Daten und Fak­ten be­schäf­ti­gen, zu einer ko­gni­ti­ven Dis­so­nanz.

Die Frage ist: Warum funk­tio­niert das alles im Po­li­tik­ge­schäft ei­gent­lich? Es müss­ten ja doch ir­gend­wie alle diese ko­gni­ti­ve Dis­so­nanz spü­ren. Ja, ei­gent­lich schon – wenn da nicht die Ge­schich­ten­er­zäh­ler wären, die dem, der den Ball tritt, ein­re­den, er solle nach dem Tritt so­fort die Augen schlie­ßen, und ihm dann mit der In­brunst der Über­zeu­gung er­klä­ren, der Ball sei tat­säch­lich im Welt­raum ge­lan­det. Ja, auch so lässt sich eine ko­gni­ti­ve Dis­so­nanz lösen – mit rea­li­täts­ver­wei­gern­der Ver­drän­gung.

„Wie­ner Zei­tung“ vom 25.05.2023  

Der plötzliche und nicht behebbare Ärztemangel

Wei­ter­le­sen: Der plötz­li­che und nicht be­heb­ba­re Ärz­te­man­gel

   Wir wer­den das Pro­blem nie wie­der los – ein­fach, weil es po­li­tisch so pro­bat ist.

   Hal­ten wir fest: Etwa 10.000 ös­ter­rei­chi­sche Ma­tu­ran­ten mel­den sich pro Jahr für den Me­di­zin­auf­nah­me­test „MedAt“ an, rund 7.500 neh­men tat­säch­lich teil. Zur Ori­en­tie­rung: Es gibt 20.000 AHS-Ma­tu­ran­ten. Kann es sein, dass 7.500 Ma­tu­ran­ten dafür bren­nen, Ärzte zu wer­den? Selbst in den stärks­ten Jah­ren bei frei­em Zu­gang gab es sel­ten mehr als 3.000 Stu­di­en­an­fän­ger. Warum soll ein Test Be­ru­fun­gen er­hö­hen?

   Die Zahl der Ab­sol­ven­ten hat sich üb­ri­gens kaum ver­än­dert. Der „MedAt“-Tet hat die Drop-out-Quo­te ge­senkt – sonst nichts. Seit­her haben meh­re­re Pri­vatu­nis er­öff­net. Und so ist die Zahl aller An­fän­ger mit mehr als 2.500 höher als zu Zei­ten der Ärz­te­schwem­me. Ab etwa 2025 wer­den wir jähr­lich mehr als 2.000 Ab­sol­ven­ten haben – ein his­to­ri­scher Höchst­wert, der 60 Pro­zent über dem EU-Schnitt liegt.

   Weil eine Me­di­zi­ner­aus­bil­dung mit etwa 400.000 Euro Steu­er­geld sehr teuer ist, wur­den zwi­schen 1995 und 2010 re­gel­mä­ßig Ärz­te­be­darfs­stu­di­en er­stellt. Jede hat deut­lich we­ni­ger Ärzte als be­darfs­not­wen­dig aus­ge­wie­sen, als es real Ärzte gab, also einen Ärz­te­über­schuss be­legt – die Zeit der Ärz­te­schwem­me.

   In den frü­hen 2000ern wurde ge­warnt, wenn die Aus­bil­dungs­ka­pa­zi­tä­ten nicht be­grenzt wür­den, werde es tau­sen­de ar­beits­lo­se Ärzte geben. Da­mals ging man davon aus, dass es neben dem öf­fent­li­chen Sys­tem, das ja ver­spricht, dass alle alles auf al­ler­höchs­tem Ni­veau be­kom­men, und zwar immer, über­all und gra­tis, kein Par­al­lel­sys­tem geben könne. Eine Wahl­arzt­ver­sor­gung wie heute schien ab­surd und kei­nes­falls er­stre­bens­wert.

   Die Ärz­te­kam­mer war da­mals die wich­tigs­te Stim­me, die vor der Ärz­te­schwem­me warn­te: Es sei zy­nisch, und man müsse nun end­lich der lau­fen­den Il­lu­si­ons­zer­stö­rung der Ju­gend ein Ende set­zen. Es war die Zeit der ta­xi­fah­ren­den Jung­ärz­te. Doch kam­mer­intern be­schäf­tig­te man sich um 2005 mit einer an­de­ren Frage: der Fi­nan­zier­bar­keit der Wohl­fahrts­fonds. Diese Pflicht­zu­satz­pen­si­ons­fonds der Ärzte waren da­mals noch rein um­la­ge­fi­nan­ziert. Ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­sche Stu­di­en hiel­ten fest, dass ent­we­der Pen­sio­nen ge­kürzt oder Ein­nah­men er­höht wer­den müss­ten. Pen­si­ons­kür­zun­gen kamen nicht in Frage, die ein­zi­ge Chan­ce auf hö­he­re Ein­nah­me be­stand und be­steht aber nur darin, dass immer mehr Ärzte ein­zah­len.

   Um 2005/2006 kipp­ten die Ar­gu­men­te der Ärz­te­kam­mer von der Ärz­te­schwem­me in den Ärz­te­man­gel – plötz­lich und an­satz­los. Die Ar­gu­men­te, die 2014 zur Grün­dung der Me­dU­ni in Linz führ­ten, nutz­ten diese ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­schen Stu­di­en, in­ter­pre­tier­ten aber einen dro­hen­den Ärz­te­man­gel hin­ein; mit Er­folg. Doch hat die zu­sätz­li­che Uni die Dis­kus­si­on über den Ärz­te­man­gel be­en­det? Nein!

Noch merk­wür­di­ger ist, dass die Ziele, die in die­sen ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­schen Stu­di­en ge­nannt wer­den – also wie viele Ärzte zur Fi­nan­zie­rung der Wohl­fahrts­fonds be­nö­tigt wer­den – über­trof­fen wer­den (2020: 48.000 vs. 45.000), doch auch das ohne Aus­wir­kung auf den pos­tu­lier­ten Ärz­te­man­gel.    Heute ar­bei­ten rech­ne­risch um 50 Pro­zent mehr Ärzte am Pa­ti­en­ten als im EU-Schnitt. Weil aber we­sent­li­che Play­er po­li­tisch vom Ärz­te­man­gel gut leben, wird er uns er­hal­ten blei­ben.

„Wie­ner Zei­tung“ vom 27.04.2023                            

Die Akademisierung der Gesundheitsberufe

   Oder: „Für was brau­chen wir das? Das hat es ja noch nie ge­ge­ben.“

Wei­ter­le­sen: Die Aka­de­mi­sie­rung der Ge­sund­heits­be­ru­fe

   Wir schrei­ben das Jahr 1900: Der Gar­ni­sons­arzt aus dem ört­li­chen und seit Jahr­hun­der­ten be­ste­hen­den Spi­tal geht ins fuß­läu­fi­ge Lokal am Brau­nau­er Stadt­platz. Er ist ei­gent­lich Mi­li­tär­arzt, aber das Spi­tal wurde nun an einen Orden über­ge­ben, und so ist er jetzt Chir­urg. Das liegt in der Fa­mi­lie, seit sein Ur­groß­va­ter an der Chir­ur­gen­schu­le in Mün­chen aus­ge­bil­det wurde, waren alle Chir­ur­gen, wobei al­ler­dings erst sein Groß­va­ter dafür stu­dier­te.

   Im Lokal trifft er, wie er­war­tet, sei­nen lang­jäh­ri­gen Freund, einen ge­stan­de­nen Land­arzt. Und als das zwei­te Bier ge­trun­ken ward, fragt der Chir­urg, ob es denn wirk­lich nötig sei, dass Land­ärz­te Ma­tu­ra und Stu­di­um brau­chen. Er ver­steht nicht genau warum. Der Land­arzt pflich­tet ihm bei. Diese Aka­de­mi­sie­rung der Land­ärz­te sei völ­lig un­nö­tig. Er habe für sei­nen Job sowas noch nie ge­braucht. (Land­ärz­te waren da­mals an­ge­lernt!)

   Zeit­sprung: Im Jahr 1970 schließt ein Land­arzt seine Or­di­na­ti­on, um sich mit einem Freund im Stadt­café zu tref­fen. Frü­her war das ein Bier­lo­kal, in dem sein Ur­ur­groß­va­ter schon saß. Der war auch schon Land­arzt, hat das aber nicht stu­diert. Und als die bei­den nach dem Ver­län­ger­ten auf Co­la-Rot um­stie­gen, fragt der Land­arzt sei­nen Freund, ob es denn wirk­lich nötig sei, dass Zahn­ärz­te Ma­tu­ra und Stu­di­um brau­chen. Er ver­steht nicht genau warum. Sein Freund, der Den­tist, ver­steht diese Aka­de­mi­sie­rung der Zahn­heil­kun­de auch nicht. Er habe für sei­nen Job sowas noch nie ge­braucht.

   Zeit­sprung: Im Jahr 2025 setzt sich die Ur­ur­ur­groß­enke­lin des Gar­ni­sons­arz­tes neben ihren Mann, einen Dr.​med.​univ., ins Auto. Sie wol­len alte Freun­de tref­fen. Da in den 1990ern die bei­den Fa­mi­li­en her­aus­ge­zo­gen sind, trifft man sich nun re­gel­mä­ßig in der Pom­mer­schen Schloss­t­aver­ne. Ihren Mann lern­te sie ken­nen, als er den Tur­nus im Brau­nau­er Spi­tal mach­te. Da­nach wurde er Ge­mein­de­arzt mit allen Kas­sen, sie blieb im Spi­tal und ist nun Ober­schwes­ter. Bei den Freun­den, die sie tref­fen, han­delt es sich um die Fa­mi­lie des ein­ge­ses­se­nen Zahn­arz­tes, der wegen einer Rechts­än­de­rung nun sogar zwei Dok­tor­ti­tel trägt. An­ders als sein Vater – der hatte nicht ein­mal stu­diert. Und wie Sie alle da so sit­zen, der Haupt­gang ab­ser­viert und die drit­te Fla­sche Zwei­gelt zum Atmen ge­öff­net wird, stellt der Zahn­arzt die Frage, ob es denn wirk­lich nötig sei, dass Kran­ken­schwes­tern Ma­tu­ra und Stu­di­um brau­chen.

Nach kur­zem Stöh­nen er­klärt die Ober­schwes­ter, diese Aka­de­mi­sie­rung der Pfle­ge sei völ­lig sinn­los. Sowas habe sie in ihrem Job noch nie ge­braucht. Ihr Mann pflich­tet ihr bei.   

Als alle in ihren Autos heim­fah­ren, si­cher zu be­trun­ken für nor­ma­le Bür­ger, aber für die re­gio­na­le Pro­mi­nenz noch völ­lig im Rah­men, er­hal­ten beide An­ru­fe der Kin­der: Der Sohn des Zahn­arz­tes hat ge­ra­de die letz­te Prü­fung sei­nes Mas­ters in Ad­van­ced Nursing Prac­tice ge­schafft. Die Toch­ter des Land­arz­tes schickt vorab per Whats­App den letz­ten Schein für ihre Aus­bil­dung zur Fach­ärz­tin für Or­tho­pä­die und Trau­ma­to­lo­gie. Jetzt heißt es ler­nen für die Fach­arzt­prü­fung, und sie will wis­sen, ob sie für einen Monat wie­der zu Hause ein­zie­hen kann.

„Wie­ner Zei­tung“ vom 30.03.2023 

Equip4Ordi und die Unschuld der Kammerpolitiker

Si­cher ist, dass es in einer der Wie­ner Ärz­te­kam­mer zu­ge­ord­ne­ten Firma, der Ärz­te­Ein­kaufs-Ser­vice -Equip4Or­di GmbH, einen be­grün­de­ten Ver­dacht von Mal­ver­sa­tio­nen gibt.

Wei­ter­le­sen: Equip4Or­di und die Un­schuld der Kam­mer­po­li­ti­ker

Si­cher ist auch, dass der jet­zi­ge Ärz­te­kam­mer­prä­si­dent von Wien und Ös­ter­reich, Jo­han­nes Stein­hart, nicht als Be­schul­dig­ter ge­führt wird. Eben­falls si­cher ist, dass das Prä­si­di­um der Ös­ter­rei­chi­schen Ärz­te­kam­mer aus­rückt, um für alle die Un­schulds­ver­mu­tung zu re­kla­mie­ren, und der Prä­si­dent höchst­per­sön­lich ver­lau­tet, dass eine nicht näher ge­nann­te Grup­pe eine an­geb­li­che Mal­ver­sa­ti­on in einer aus der Ärz­te­kam­mer aus­ge­la­ger­ten GmbH für eine ge­ziel­te In­tri­ge gegen ihn nutze.

Die aus­ge­la­ger­te GmbH hat er bei der Grün­dung noch so an­ge­prie­sen: „Wir bie­ten damit Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen für ihre Or­di­na­tio­nen eine be­nut­zer­freund­li­che, ein­fa­che und pro­fes­sio­nel­le Platt­form, über die sie rasch und zu güns­ti­gen Prei­sen ihren ge­sam­ten Or­di­na­ti­ons­be­darf ab­de­cken kön­nen.

“ Das „Wir“ ist schon ein Hin­weis auf eine Iden­ti­fi­ka­ti­on des da­ma­li­gen obers­ten Ver­tre­ters der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte und jet­zi­gen Prä­si­den­ten mit die­ser Firma. Doch wofür braucht eine Pflicht­ver­tre­tung so eine Firma? Ist es Auf­ga­be der Kam­mer, in den frei­en Markt ein­zu­grei­fen? Ging sie davon aus, dass sie bes­ser Prei­se ver­han­deln kann, weil sie auf einer Mo­no­pol­macht sitzt?

Warum auch immer, die Kam­mer ist für diese Firma nach außen auf­ge­tre­ten. Doch wem ge­hört diese? Sie ge­hört nicht di­rekt der Kam­mer, und es ist auch nichts Aus­ge­la­ger­tes, weil es eben keine Auf­ga­be der Kam­mer ist, Händ­ler zu sein. Es ist eine Ver­schach­te­lung di­ver­ser GmbHs, die am Ende eben auch die in­kri­mi­nier­te GmbH be­sitzt und an deren An­fang die Ärz­te­kam­mer für Wien steht.

Kein ver­trau­en­er­we­cken­des Mo­dell. Das soll­te po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen schon auf­fal­len, wenn sie denn Plan­statt Markt­wirt­schaft pro­bie­ren. Aber wer schmie­det da ei­gent­lich eine per­sön­li­che In­tri­ge?

Da gibt es den In­ves­ti­ga­ti­vjour­na­lis­ten Ashwi­en Sank­hol­kar von „Dos­sier.at“. Die­ser deckt re­gel­mä­ßig Merk­wür­dig­kei­ten in der Ärz­te­kam­mer auf. Etwa den mitt­ler­wei­le wie­der ver­ges­se­nen 327,5-Mil­lio­nen-Eu­ro-Deal samt ge­wal­ti­ger Pro­vi­sio­nen rund um den Wie­ner Gra­ben­hof. Und wenn ein Whist­leb­lo­wer dort­hin Un­ter­la­gen schickt, die eine Straf­tat auf­de­cken könn­ten, ist das keine In­tri­ge, selbst wenn es ohne hehre Ab­sicht ge­schieht.

Wie also kann je­mand das als In­tri­ge gegen die ei­ge­ne Per­son emp­fin­den? Den­knot­wen­dig doch nur, wenn in der Kam­mer jeder etwas zu ver­ber­gen hat und es ein Agree­ment gibt, dass alle den Mund hal­ten. Der mo­ra­li­sche Stan­dard ist also: Jeder deckt den an­de­ren bei sei­nen Straf­ta­ten? Wenn das so wäre, dann träfe es jene, die seit Jahr­zehn­ten in füh­ren­den Po­si­tio­nen sind und vom Wohl­fahrts­fondsskan­dal der 2000er Jahre über Ge­rüch­te, wie Ko­ali­tio­nen und Stim­men ge­kauft wer­den, um die ei­ge­nen Po­si­tio­nen zu fes­ti­gen, bis zu den Wahl­be­trugs­vor­wür­fen im vo­ri­gen Jahr alles po­li­tisch über­lebt haben, hart und per­sön­lich.

Aber wenn das wirk­lich wahr sein soll­te, dann hat die­ses Kam­mer­ver­hal­ten ein­fach die Gren­zen er­reicht, an der Kor­rup­ti­on eben auf­bricht. Das ist nichts Per­sön­li­ches

„Wie­ner Zei­tung“ vom 23.02.2023

Die kognitive Dissonanz in der Gesundheitspolitik

   Ge­sund­re­den, Aus­re­den und den Schwar­zen Peter wei­ter­schie­ben, bis man selbst an die ei­ge­ne Fik­ti­on glaubt – oder ös­ter­rei­chi­sche Ge­sund­heits­po­li­tik.

Wei­ter­le­sen: Die ko­gni­ti­ve Dis­so­nanz in der Ge­sund­heits­po­li­tik

   Vo­ri­ge Woche gab es im ORF-„Re­port“ zwei Be­rich­te zu Ge­sund­heits­sys­te­men: erst aus Ös­ter­reich, dann aus Eng­land.

   Ers­te­rer ti­tel­te „Not­fall Ge­sund­heits­sys­tem“ zwei­te­rer „Bri­ti­scher Kol­laps“. Ers­te­rer zeig­te eine lange War­te­schlan­ge vor einem Kas­sen­au­gen­arzt, zwei­te­rer eine Frau, die sich Zähne selbst zog, weil sie kei­nen Zahn­arzt­ter­min bekam. Beide zeig­ten also ir­gend­wie das Glei­che und soll­ten ei­gent­lich auch das Glei­che il­lus­trie­ren.

   Aus­ken­ner wis­sen, dass genau ge­nom­men Ers­te­res ein Bei­spiel, Zwei­te­res eine An­ek­do­te ist – aber sei’s d’rum. We­sent­lich ist eher die po­li­ti­sche Re­ak­ti­on von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jo­han­nes Rauch (Grüne), der zu bei­den Be­rich­ten be­fragt wurde. In Ös­ter­reich sieht er eine an­ge­spann­te Si­tua­ti­on, und wenn er es nicht schafft, alle an einen Tisch zu holen, droht, dass nicht mehr „E-Card statt Scheck­kar­te“ gilt und unser gutes Ge­sund­heits­sys­tem an die Wand fährt. Für Eng­land weiß er, dass der Kol­laps die Folge der Pri­va­ti­sie­rung sei, von der wir weit ent­fernt seien.

   Be­ein­dru­ckend, diese ko­gni­ti­ve Dis­so­nanz. Die War­te­schlan­ge hier ist weit ent­fernt von den feh­len­den Ter­mi­nen dort. Und noch mehr, die E-Card hier und die Scheck­kar­te dort macht den Un­ter­schied.

   Scheck­kar­te? Etwas, das prak­tisch kei­ner unter 50 Jah­ren kennt, wer schreibt noch Schecks aus? Aber die Ziel­grup­pe ist ja eher 65 plus. Der Sager „E-Card statt Scheck­kar­te“ ist üb­ri­gens pla­gi­iert, auch wenn das Ori­gi­nal aus den frü­hen 2010er Jah­ren mo­der­ner war und eine Kre­dit­kar­te nann­te. No­ta­be­ne wurde auch der An-die Wand-Sa­ger pla­gi­iert. Der stammt von Hans-Jörg Schel­ling, der ihn 2010 als Haupt­ver­bands­chef zur Ein­stim­mung des da­ma­li­gen „Re­form­vor­ha­bens“ in den Ring warf.

   Wie dem auch sei, wenn Scheck­kar­te für Pri­vat­aus­ga­ben steht, sind die bei uns höher als in Eng­land. Wenn also ir­gend­wo die Scheck­kar­te nö­ti­ger ist, dann eher bei uns als dort. Bei uns hat fast jeder zwei­te Er­wach­se­ne eine Pri­vat­kran­ken­ver­si­che­rung, dort nur jeder zehn­te.

   Wenn diese Aus­sa­gen nicht auf Ein­bil­dung zu­rück­ge­führt wer­den kön­nen, die das Er­geb­nis des dau­ern­den Ge­sund­re­dens, der Aus­re­dens und des Wei­ter­schie­bens des Schwar­zen Pe­ters ist, müs­sen die Aus­sa­gen als Lüge auf­ge­fasst wer­den.

   Aber auch das ist be­lang­los. Si­cher ist nur, dass es Ös­ter­reichs Ge­sund­heits­sys­tem ge­schafft hat, sich Jahr­zehn­te aus jedem Re­form­an­satz her­aus­zu­win­den. Die Folge ist eine enor­me In­ef­fek­ti­vi­tät. Denn ob­wohl wir so ziem­lich die meis­ten Arzt­kon­tak­te und Spi­tals­auf­nah­men haben, er­zeugt unser Sys­tem viel zu wenig Ge­sund­heit – was dazu führt, dass die Äl­te­ren viel mehr Me­di­zin, Pfle­ge und Be­treu­ung brau­chen als in den meis­ten an­de­ren Län­dern. Wenn jetzt die Ba­by­boo­mer in das Alter kom­men, in dem aus Weh­weh­chen Wehs wer­den, und die glei­che In­an­spruch­nah­me wie die heu­ti­gen „Alten“ brau­chen, dann wird es kra­chen.

   An­de­re Län­der be­rei­ten sich seit Jahr­zehn­ten auf diese Ent­wick­lung vor, und von dort wis­sen wir, dass es we­nigs­tens ein Jahr­zehnt braucht, bis Re­for­men grei­fen; doch das ist für die Ba­by­boo­mer dann zu spät. Also wird es wohl an­ders wer­den – mit noch mehr „nicht vor­han­de­ner“ Pri­vat­me­di­zin und noch grö­ße­rer ko­gni­ti­ver Dis­so­nanz.

„Wie­ner Zei­tung“ vom 26.01.2023

Jetzt aber alle an einen Tisch!

Vor­sicht, Sar­kas­mus – mit deut­li­chen Zügen ver­dros­se­ner Ge­müts­stim­mung.

Wei­ter­le­sen: Jetzt aber alle an einen Tisch!

   Trotz ver­schie­dens­ter Be­mü­hun­gen um eine ver­stärk­te Ko­or­di­nie­rung und An­glei­chung der In­ter­es­sen muss­ten wir fest­stel­len, dass das ös­ter­rei­chi­sche Ge­sund­heits­sys­tem auf­grund sei­ner viel­schich­ti­gen Ver­wal­tungs­struk­tur und dua­len Fi­nan­zie­rung kom­plex und frag­men­tiert ist.

   Be­son­ders die Auf­tei­lung der Fi­nan­zie­rung von in­tra- und ex­tra­mu­ra­len Leis­tun­gen zwi­schen den Bun­des­län­dern und So­zi­al­ver­si­che­run­gen kann die Be­treu­ungs­kon­ti­nui­tät be­ein­träch­ti­gen und zu Kos­ten­ver­schie­bun­gen füh­ren. Des­halb muss davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass zur­zeit die Ge­sund­heits­er­geb­nis­se in­ner­halb der Be­völ­ke­rung schlech­ter und die Ge­samt­kos­ten höher aus­fal­len, als dies in einem ko­or­di­nier­ten Sys­tem der Fall wäre.

   So die Worte einer Stu­die des Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­ums aus dem Jahr 2018. Was waren diese Be­mü­hun­gen? Da gab es den Ko­ope­ra­ti­ons­be­reich, der um 2000 ein­ge­führt wurde. Er wurde in den Re­form­pool um­ge­wan­delt, in dem jeder (Län­der und Kran­ken­kas­sen) 1 Pro­zent sei­nes Um­sat­zes ein­spie­len soll­te, um ge­mein­sa­me Pro­jek­te zu rea­li­sie­ren. Dazu wur­den Lan­des­ge­sund­heits-Platt­for­men und die Bun­des­ge­sund­heits-Agen­tur ge­schaf­fen, die, einem ge­setz­li­chen Auf­trag aus den 1990ern fol­gend, eine ge­mein­sa­me Sicht­wei­se für das ge­sam­te Ge­sund­heits­sys­tem schaf­fen soll­te.

   Diese waren eben­so er­folg­los wie die Re­form­pool-Pro­jek­te. Also muss­te was Neues her. Eif­rig wurde re­for­miert und das Ziel­steue­rungs-Ge­setz aus der Taufe ge­ho­ben – gut ver­wal­tet von Lan­des-Ziel­steue­rungs­kom­mis­sio­nen und der dar­über schwe­ben­den Bun­des­ziel­steue­rungs­kom­mis­si­on, in der alle (Län­der und Kran­ken­kas­sen) ge­mein­sam das Sys­tem an­hand von kon­kre­ten Zie­len steu­ern soll­ten. Hehre Ziele wur­den in Ver­trä­gen fest­ge­legt, und es gab ÖSGs, RSGs, LAP, ÜRVP, DIAG, LEI­CON und PVEs.

   Aber of­fen­bar wurde dabei etwas We­sent­li­ches ver­ges­sen: Die Part­ner saßen nicht an einem Tisch.

   Zwar dürf­te es bis 2007, so­lan­ge war ich dabei, einen ge­mein­sa­men, immer sehr gro­ßen Tisch ge­ge­ben haben, aber da­nach eben immer sel­te­ner. An­ders wäre der neu­es­te Vor­schlag von Ge­sund­heits­mi­nis­ter Jo­han­nes Rauch kaum zu ver­ste­hen, wenn er meint, dass er „alle Play­er“ an einen Tisch brin­gen will.

   Wer hätte ge­dacht, dass es so sim­pel sein kann! Ein­fach die­sen vie­len Gre­mi­en einen Tisch spon­sern – und schon hal­ten sich alle an Ge­set­ze und Ver­trä­ge. Klar könn­ten ei­ni­ge mei­nen, dass das Mi­nis­te­ri­um als Auf­sichts­be­hör­de auch mit­tels trans­pa­ren­ter Be­richt­er­stat­tung, wie seit 20 Jah­ren ge­setz­lich vor­ge­se­hen, ein­fach of­fen­legt, wie wenig sich „alle Play­er“ an ei­ge­ne Ge­set­ze und Ver­trä­ge hal­ten, und das dann auch kom­mu­ni­zie­ren. Aber die ver­ste­hen Po­li­tik nicht.

   2023 kommt ein­mal der Tisch, oder auch zehn Ti­sche. Um 2035 wer­den dann Stüh­le an­ge­schafft. So gegen 2050 wird es so weit sein: „Alle Play­er“ haben eine ge­mein­sa­me Sicht des Ge­sund­heits­sys­tems ent­wi­ckelt, es wird aus 15 Kran­ken­kas­sen, einer AUVA, 9 Län­dern und 10 Ärz­te­kam­mer be­ste­hen, die über 34 Säu­len fi­nan­ziert wer­den. Die Säu­len wer­den ohne Mur­ren vom Bund „ge­füllt“ – der das Geld in Plan­ta­gen auf ei­ge­nem Grund zieht.

„Wie­ner Zei­tung“ vom 29.12.2022   

Die Notfallambulanz ist für Notfälle da – eigentlich

   Ein ganz nor­ma­ler Vor­mit­tag in einem ganz nor­ma­len Spi­tal.

Wei­ter­le­sen: Die Not­fall­am­bu­lanz ist für Not­fäl­le da – ei­gent­lich

   Die Not­fall­am­bu­lanz eines gro­ßen Spi­tals an einem Vor­mit­tag unter der Woche: Eine Ärz­tin (!) kommt mit ihrer Mut­ter, die seit meh­re­ren Mo­na­ten (!) of­fen­sicht­lich in einem Pro­zess des Ab­sin­kens in die De­menz ist. Sie meint, die Mut­ter „zit­te­re“ immer so, wenn sie was ver­ges­se oder Dinge ver­le­ge. Das ge­hö­re ein­mal an­ge­se­hen. „Ich bin eh vom Fach.“ Weder vor noch nach den Un­ter­su­chun­gen ein An­zei­chen einer vi­ta­len Be­dro­hung, de­fi­ni­tiv kein Not­fall.

   Eine stark über­ge­wich­ti­ge Frau, klagt, seit Wo­chen (!) „nix mehr essen zu kön­nen“. Sie habe das Ge­fühl, nicht mehr gut schlu­cken zu kön­nen. Das sei nicht nor­mal. Was könne das denn sein? Weder vor noch nach den Un­ter­su­chun­gen ein An­zei­chen einer vi­ta­len Be­dro­hung, de­fi­ni­tiv kein Not­fall.

   Ein Mann mit einer ei­ni­ge Tage (!) alten Ein­wei­sung vom Haus­arzt in die Not­fall­am­bu­lanz sagt auf die Frage, warum er nicht so­fort ge­kom­men sei, wenn es ihm denn so schlecht gehe (auf dem Ein­wei­sungs­schein steht etwas Be­droh­li­ches – wohl eine Über­trei­bung des nie­der­ge­las­se­nen Arz­tes, um den Pa­ti­en­ten los­zu­wer­den): „Über das Wo­chen­en­de und den Zwi­ckel­tag tut ihr ja so­wie­so nix!“ Weder vor noch nach den Un­ter­su­chun­gen ein An­zei­chen einer vi­ta­len Be­dro­hung, de­fi­ni­tiv kein Not­fall – dafür eine Be­lei­di­gung.

   Eine Frau kommt sit­zend mit der Ret­tung (!), weil ihr El­len­bo­gen seit Tagen (!) weh­tut. Mit der Ta­sche in der Hand auf bei­den Bei­nen (ge­sund) sucht sie sich im War­te­raum den bes­ten Platz (mit Blick zum Fern­se­her). Zu den Un­ter­su­chun­gen will sie mit dem Trans­port­dienst her­um­ge­fah­ren wer­den. Weder vor noch nach den Un­ter­su­chun­gen ein An­zei­chen einer vi­ta­len Be­dro­hung, de­fi­ni­tiv kein Not­fall.

   Ein alter Mann mit schwe­rer De­menz kommt mit Gat­tin, die ihn da­heim ver­sorgt. Der Frau ist mehr oder we­ni­ger be­wusst, dass für sie die Ver­sor­gung kaum noch zu schaf­fen ist, vor allem nicht die Flüs­sig­keits- und Nah­rungs­zu­fuhr. (Noch) kein An­zei­chen einer vi­ta­len Be­dro­hung, de­fi­ni­tiv kein Not­fall – dafür eine So­zi­al­auf­nah­me.

   Ein Mann mit einer Ein­wei­sung vom Haus­arzt in die Not­fall­am­bu­lanz kommt wegen Knie­schmer­zen. Das Knie zeigt kei­ner­lei Ent­zün­dungs­zei­chen. Weder vor noch nach den Un­ter­su­chun­gen ein An­zei­chen einer vi­ta­len Be­dro­hung, de­fi­ni­tiv kein Not­fall.

   Dann kommt ein Mann mit Haut­aus­schlag am Rumpf: „Den hab ich schon lange!“ – „Wieso gehen Sie nicht zum Haut­arzt?“ – „Da be­kom­me ich den Ter­min im Jän­ner!“ „Haben Sie über­haupt an­ge­ru­fen und ge­sagt, dass es drin­gend ist und sie auch War­te­zei­ten in Kauf neh­men?“ Er sei jetzt da, und über­haupt, was bil­den wir uns über­haupt ein, sol­che Fra­gen zu stel­len? Weder vor noch nach den Un­ter­su­chun­gen ein An­zei­chen einer vi­ta­len Be­dro­hung, also de­fi­ni­tiv kein Not­fall – dafür aber eine wei­te­re Be­lei­di­gung.

   Da­zwi­schen kom­men zwei Ret­tun­gen mit ech­ten Akut­fäl­len, die nur schwer im nie­der­ge­las­se­nen Be­reich be­han­delt hät­ten wer­den kön­nen – naja, ei­gent­lich nicht, weil ein Fall ein Kreis­lauf­kol­laps (ohne Ohn­macht) bei einem Mann ist, der an die­sem Tag als Ver­käu­fer be­gon­nen hat – das viele Ste­hen hal­ten nicht alle gleich von An­fang an aus. Dann ist der Vor­mit­tag vor­bei – und alle die dort ge­ar­bei­tet haben, fra­gen sich: Was genau macht eine Not­fall­am­bu­lanz ei­gent­lich aus?

   Und nein, das ist keine dich­te­ri­sche Frei­heit, son­dern ein Re­port.

„Wie­ner Zei­tung“ vom 24.11.2022  

Ein Facharzt für Allgemein- und Familienmedizin

  Die Rolle der „Haus­ärz­te“ im Ge­sund­heits­we­sen ist bis heute schwam­mig.

Wei­ter­le­sen: Ein Fach­arzt für All­ge­mein- und Fa­mi­li­en­me­di­zin

   Warum die Ein­füh­rung eines Fach­arz­tes für All­ge­mein- und Fa­mi­li­en­me­di­zin eine Wei­ter­ent­wick­lung des Ge­sund­heits­we­sens sein könn­te, ver­steht kaum je­mand – sie könn­te es aber tat­säch­lich sein. Ak­tu­ell ist der All­ge­mein­me­di­zi­ner ein völ­lig un­de­fi­nier­tes Wesen – über­spitzt for­mu­liert, darf er prak­tisch alles. Das kommt aus der Nach­kriegs­zeit, als Ös­ter­reich viele Ärzte hatte. Im Krieg waren viele ge­braucht und quasi am Fließ­band aus­ge­bil­det wor­den. Nach dem Krieg gab es daher einen Über­schuss.

   Was aber da­mals wie heute ein Pro­blem war, war die flä­chen­de­cken­de Ver­sor­gung mit Fach­ärz­ten. Und so hat man den „Haus­ärz­ten“ eben alles er­laubt. Sie hat­ten Rönt­gen­ge­rä­te, führ­ten Ge­bur­ten und Ab­trei­bun­gen durch, ope­rier­ten in Voll­nar­ko­se etc. Mit dem „Dr. der ge­sam­ten Heil­kun­de“ oder ele­gan­ter „Dr. me­di­ci­nae uni­ver­sae“ war prak­tisch das Recht ver­bun­den, so gut wie alles zu tun.

   Spä­tes­tens ab den 1970ern, als For­schung und Spe­zia­li­sie­rung zu­nah­men, war das ei­gent­lich ob­so­let. Aber eben nur ei­gent­lich. Denn wir än­dern nur un­gern etwas. Der „Dr.​med.​univ.“ ist daher auch heute noch ein un­de­fi­nier­ter „Al­les­kön­ner“ und „Al­les­ma­cher“ ohne kla­res Pro­fil oder klare Rolle im Ge­sund­heits­we­sen. Und so darf es nicht ver­wun­dern, dass sich die meis­ten mit Ho­möo­pa­thie, Äs­the­ti­scher Chir­ur­gie, TCM und was sonst noch ver­din­gen. Ein Blick auf die Leis­tungs­an­ge­bo­te der „Haus­ärz­te“ zeigt das deut­lich. Und nur so ne­ben­bei: Es gibt davon etwa 14.000, aber nur 4.000 davon haben einen Kas­sen­ver­trag – 10.000 wol­len kei­nen, weil das Sys­tem nicht weiß, was es von ihnen will, und es bes­ser ist, sein ei­ge­nes Ding zu ma­chen.

   Was auf der Stre­cke blieb, war die Ent­wick­lung einer mo­der­nen Ge­sund­heits­ver­sor­gung. Und um nun eine sol­che zu er­mög­li­chen, wäre ein Schritt, die Aus­bil­dung, Kom­pe­tenz und Rolle der „Haus­ärz­te“ im Ge­sund­heits­we­sen zu de­fi­nie­ren. Eine Fach­arzt­aus­bil­dung macht das mög­lich – auf den ers­ten Blick – und nur auf den ers­ten.

   Denn wenn wir uns an­hö­ren, was der „neue“ Fach­arzt für All­ge­mein-und Fa­mi­li­en­me­di­zin alles ma­chen soll (das Auf­ga­ben­ge­biet um­fasst die pri­mä­re Ge­sund­heits­ver­sor­gung, ins­be­son­de­re die ganz­heit­li­che, kon­ti­nu­ier­li­che und ko­or­di­na­ti­ve me­di­zi­ni­sche Be­treu­ung; be­inhal­tet ist die Ge­sund­heits­för­de­rung, Krank­heits­er­ken­nung und Kran­ken­be­hand­lung ein­schließ­lich der Ein­lei­tung von Re­ha­bi­li­ta­ti­ons-und Mo­bi­li­sa­ti­ons­maß­nah­men aller Per­so­nen, un­ab­hän­gig von Alter, Ge­schlecht und Art der Er­kran­kung, unter Be­rück­sich­ti­gung des Um­felds der Per­son, der Fa­mi­lie, der Ge­mein­schaft und deren Kul­tur), wird so­fort klar, dass dafür eine Ver­fas­sungs­än­de­rung nötig wäre. Ja, eine Ver­fas­sungs­än­de­rung, weil prak­tisch für jede ein­zel­ne Auf­ga­be im Sys­tem je­mand an­de­rer zu­stän­dig ist. Die Frag­men­tie­rung des Sys­tems lässt nicht zu, dass so ein Fach­arzt seine Auf­ga­ben er­le­digt. Das weiß der Ge­sund­heits­mi­nis­ter na­tür­lich – und alle an­de­ren, die das so be­schlos­sen haben, wis­sen es auch.

   Wagen wir einen zwei­ten Blick, er­ken­nen wir: Mit die­ser Re­form wird die ver­pflich­ten­de Aus­bil­dungs­zeit der Jung­ärz­te im Spi­tal wie auch in der Lehr­pra­xis län­ger. Und weil Lehr­jah­re keine Her­ren­jah­re sind, wird am Ende also nur die bil­li­ge Ar­beits­kraft jun­ger Ärzte mehr. Das ist si­cher keine Wei­ter­ent­wick­lung, aber trotz­dem ein tol­les Ziel für Po­li­ti­ker

„Wie­ner Zei­tung“ vom 27.10.2022 

Kritik wird einfach abgeblockt

   Die Grä­ben im Ge­sund­heits­sys­tem sind un­über­brück­bar.

   Seit 15 Jah­ren mis­sio­nie­re ich in Ös­ter­reich. Seit ge­fühlt tau­sen­den Jah­ren pre­di­ge ich vor allem zwei Dinge:

   Be­en­det die Sprach­ver­wir­rung!

   Seid selbst­kri­tisch.

   Recht viele An­hän­ger konn­te ich nicht ge­win­nen, vor allem nicht bei den Ent­schei­dungs­trä­gern in­ner­halb der vie­len Or­ga­ni­sa­tio­nen, die alle als Ve­to­mäch­te auf- und Kli­en­tel­in­ter­es­sen ver-tre­ten.

Des­we­gen soll ich mich ei­gent­lich nicht är­gern, wenn ich wie­der ein­mal so etwas lesen muss: „Wir schaf­fen es ein­fach nicht, unser Ver­sor­gungs­sys­tem als Gan­zes zu den­ken. Wir haben im nie­der­ge­las­se­nen Be­reich eine in­ef­fi­zi­en­te Ver­sor­gung, folg­lich lan­den viel zu viele Fälle un­nö­ti­ger­wei­se im Spi­tal“, er­klär­te jüngst ein Pu­blic- Health-Ex­per­te.

Die Ärz­te­kam­mer re­agier­te so: „Wir wei­sen Ihre pau­scha­le Be­haup­tung, dass die Ver­sor­gung im nie­der­ge­las­se­nen Be­reich in­ef­fi­zi­ent wäre, auf das Schärfs­te zu­rück; diese Aus­sa­ge zieht die nie­der­ge­las­se­ne Ärz­te­schaft in Miss­kre­dit. Ge­ra­de die nie­der­ge­las­se­nen Ärzt:innen ver­sor­gen sehr ef­fi­zi­ent, je­doch gibt es in­ef­fi­zi­en­te Ver­sor­gungs­struk­tu­ren, wel­che sys­tem­be­dingt sind und drin­gend re­for­miert wer­den müs­sen. Nur durch den täg­li­chen per­sön­li­chen Ein­satz der nie­der­ge­las­se­nen Ärz­te­schaft mit ihren Or­di­na­ti­ons­teams wird ver­hin­dert, dass die Spi­tä­ler nicht noch mehr aus allen Näh­ten plat­zen.“

   Die Aus­sa­ge, dass der nie­der­ge­las­se­ne Be­reich in­ef­fi­zi­ent ver­sorgt, ist nun ein­mal evi­denz­ba­siert und sagt nichts über die Ar­beit der nie­der­ge­las­se­nen Ärzte aus. Ef­fek­ti­ve Ver­sor­gung be­deu­tet, „den rich­ti­gen Pa­ti­en­ten zur rich­ti­gen Zeit an der rich­ti­gen Stel­le“ einer Be­hand­lung zu­zu­füh­ren. Die Ar­beit des Arz­tes ist die Be­hand­lung. Wenn die Ver­sor­gung als wenig ef­fek­tiv be­zeich­net wird, dann heißt das nur, dass – ge­mes­sen an den dafür üb­li­chen Pa­ra­me­tern (all­ge­mei­ne und krank­heits­spe­zi­fi­sche Spi­tals­häu­fig­keit, die eu­ro­pa­weit spit­ze ist) – die Pa­ti­en­ten zu sel­ten am rich­ti­gen Ort be­han­delt wer­den. Und weil wir viele nie­der­ge­las­se­ne Ärzte haben (die Dich­te aller nie­der­ge­las­se­nen Ärzte ist, bei Be­rück­sich­ti­gung aller Schwie­rig­kei­ten des Ver­gleichs, eu­ro­pa­weit eben­falls spit­ze), ist der Be­reich eben in­ef­fi­zi­ent – daran kann man nicht rüt­teln. Egal, wie ef­fi­zi­ent die ein­zel­nen Ärzte auch be­han­deln mögen.

Wenn man sich je­doch der Be­griffs­ver­wir­rung hin­gibt und Be­hand­lung mit Ver­sor­gung syn­onym ver­wen­det, wird aus einer rich­ti­gen Ana­ly­se plötz­lich ein per­sön­li­cher Vor­wurf. Und statt die­ser Be­griffs­ver­wir­rung Ein­halt zu ge­bie­ten, kommt der Re­flex der Ärz­te­kam­mer, die sich pau­schal schüt­zend vor die Ärzte stellt.

   Es mag sein, dass die Ärzte ef­fi­zi­ent be­han­deln – dar­über haben wir keine ge­si­cher­te In­for­ma­ti­on, weil die Ärz­te­kam­mer seit Jahr­zehn­ten jeg­li­che ver­gleich­ba­re Do­ku­men­ta­ti­on der Leis­tung der Ärzte ab­lehnt, etwa die Co­die­rung der Krank­hei­ten der be­han­del­ten Pa­ti­en­ten nach einem ein­heit­li­chen Stan­dard oder die Be­rei­ni­gung der Leis­tungs­ka­ta­lo­ge nach sinn­vol­len Grund­sät­zen. Damit ist die Be­haup­tung der „ef­fi­zi­en­ten Be­hand­lung“ ein­fach nur eine Be­haup­tung – und än­dert nichts daran, dass die Ver­sor­gung nach­weis­lich schlecht ist.

Doch wie soll sich etwas än­dern, wenn Kri­tik, dass wir es nicht schaf­fen, das „Ver­sor­gungs­sys­tem als Gan­zes“ zu be­trach­ten, so­fort aufs Schärfs­te zu­rück­ge­wie­sen wird?

„Wie­ner Zei­tung“ vom 29.09.2022 

Wahlärzte und Ärztemangel

   Wir bil­den immer mehr Me­di­zi­ner aus – aber sie feh­len uns trotz­dem.

Wei­ter­le­sen: Wahl­ärz­te und Ärz­te­man­gel

   Seit we­nigs­tens 25 Jah­ren ver­su­chen Ex­per­ten ver­geb­lich zu er­klä­ren, dass es auch hier­zu­lan­de nötig ist, sich ernst­haf­te Ge­dan­ken über den Be­darf an Ärz­ten zu ma­chen. Statt­des­sen wird über Wahl­ärz­te ge­feilscht. Diese – in Eu­ro­pa ein­zig­ar­ti­ge – Spe­zi­es, die im öf­fent­li­chen Ge­sund­heits­sys­tem ar­bei­tet, ohne rich­tig da­zu­zu­ge­hö­ren, ist eine tolle Ver­hand­lungs­mas­se: Wie soll man deren Ver­sor­gungs­wirk­sam­keit be­wer­ten? Im­mer­hin ist ein Vier­tel aller Ärzte die­ser Spe­zi­es zu­or­den­bar. Und je nach­dem, wie wich­tig oder un­wich­tig sie für die Ver­sor­gung an­ge­nom­men wird, umso mehr (je nach Sicht­wei­se Ärzte, Uni­ver­si­täts­plät­ze, Kas­sen­stel­len, Aus­bil­dungs­stel­len, immer aber Geld) braucht man.

   Die Ärz­te­kam­mer ist der Mei­nung, alle Wahl­ärz­te seien not­wen­dig, und hat in einer ei­ge­nen etwa 15 Jahre alten Stu­die, deren Pro­gno­se­zeit­raum jetzt er­reicht wird, ge­meint, in Zu­kunft wäre pro 180 Ein­woh­ner ein Arzt nötig. Das haben wir fast er­reicht – al­ler­dings ohne den Man­gel zu be­he­ben. Ärz­te­man­gel und Un­ter­ver­sor­gung wären nur ab­wend­bar, wenn wir so­fort 100 Ärzte mehr pro Jahr aus­bil­den, und das haben wir getan. Die Zahl der Ärzte steigt und steigt (auf das 1,3-Fa­che des EU-Schnitts), aber der Man­gel bleibt. Der ei­gent­li­che Hin­ter­grund dürf­te sein, dass das Ärz­te­pen­si­ons­sys­tem (Wohl­fahrts­fonds) plei­te­geht, wenn nicht immer fri­sche Zah­ler ins Pflicht­sys­tem ge­spült wer­den.

   Und da kom­men die Län­der mit dem Wunsch nach Stu­di­en­plät­zen. Dank der Vor­ga­be des „Ärz­te­man­gels“ hat es Linz ge­schafft, eine Me­dU­ni zu krie­gen – neue Uni­ver­si­tä­ten in di­ver­sen Bun­des­län­dern, die neben Pres­ti­ge auch fri­sches Geld aus Wien ver­spre­chen, sind sehr be­liebt. Diese Uni – und die seit­dem neu ent­stan­de­nen Pri­vatu­nis – konn­ten die Ab­sol­ven­ten­zahl auf das 1,6-Fa­che des EU-Schnitts heben, aber den Man­gel nicht aus­glei­chen – die Zahl der Ab­sol­ven­ten steigt und steigt, der Man­gel bleibt.

   Und nun kom­men die Kas­sen. Diese sind ver­pflich­tet, jedem Ver­si­cher­ten aus­rei­chend Kas­sen­ärz­te zur Ver­fü­gung zu stel­len. Wenn wirk­lich die Wahl­ärz­te für die Ver­sor­gung nötig sind, dann müss­te die Zahl der Kas­sen­ver­trä­ge seit lan­gem und in Zu­kunft noch deut­li­cher stei­gen. Tut sie aber nicht. Seit 1995 bleibt die Zahl gleich. Die Kas­sen gehen davon aus, dass Wahl­ärz­te nicht oder in nur sehr ge­rin­gem Um­fang nötig sind, und set­zen deren Ver­sor­gungs­wirk­sam­keit mit we­ni­gen Pro­zent eines Kas­sen­arz­tes an. Sie sind also eine Art Lu­xus-Über­schuss. Ein paar „Ver­sor­gungs­wirk­sa­me“ soll­ten zu einem Kas­sen­ver­trag ver­pflich­tet wer­den, und der Rest sei ab­zu­schaf­fen. So etwas kon­ter­ka­riert das Man­gel-Nar­ra­tiv. Und ir­ri­tiert gleich noch mehr: näm­lich die Ärz­te­kam­mer.

   Die sitzt im Di­lem­ma: Ei­ner­seits sol­len die Kas­sen­ku­chen­stü­cke nicht durch mehr Kas­sen­ärz­te klei­ner wer­den, an­de­rer­seits braucht es eben mehr Ärzte für das Ärz­te­pen­si­ons­sys­tem – lo­gi­scher und alt­be­kann­ter Schluss, den alle lie­ben: Es braucht mehr Geld. Und so ver­han­deln die staat­li­chen In­ter­es­sen­grup­pen um die Wahl­ärz­te, denn dort ist der Hebel, wie man jede ge­wünsch­te Zahl er­rech­nen kann. Es waren und wer­den diese Wahl­ärz­te sein, die, un­ab­hän­gig von der Rea­li­tät, ge­nau­so be­wer­tet wer­den, dass mög­lichst alle In­ter­es­sen be­frie­det wer­den.   

Ach ja, falls Ihnen, werte Leser, das be­kannt vor­kommt – ab­ge­se­hen von ein paar Klei­nig­kei­ten stand das so schon vor elf Jah­ren an die­ser Stel­le.

„Wie­ner Zei­tung“ vom 25.08.2022