Ja, ja, die Länder

Die Län­der zei­gen macht­be­wusst Haupt­ver­band und Ge­sund­heits­mi­nis­ter die kalte Schul­ter – ob­wohl ihre Spi­tals­pla­nung kein Ruh­mes­blatt ist.

Vor 40 Jah­ren, als Fern­se­her noch schwarz-weiß flim­mer­ten, schrieb die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on über unser Spi­tals­we­sen u.a. fol­gen­des: (1) Spi­tals­pla­nung ist nicht Teil eines um­fas­sen­den Pla­nes der Ge­sund­heits­pfle­ge. (2) Die Bun­des­re­gie­rung hat keine Kom­pe­ten­zen, ver­bind­li­che Wei­sun­gen zu er­tei­len.

In der ers­ten Kri­tik steckt der un­ver­än­dert an­dau­ern­de Wahn­sinn, dass die Spi­tä­ler sich ohne Ab­stim­mung mit nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten, Pfle­ge­be­reich oder Re­ha­bi­li­ta­ti­on ent­wi­ckeln. Statt, wie üb­lich, den Haus­arzt als Lot­sen ein­zu­set­zen, der für und mit dem Pa­ti­en­ten dar­auf ach­tet, dass die rich­ti­ge Leis­tung zur rich­ti­gen Zeit am rich­ti­gen Ort er­bracht wird, dreht sich bei uns alles um Spi­tä­ler, die je­doch nicht Son­nen sind, son­dern schwar­ze Lö­cher, deren ge­frä­ßi­ge Gra­vi­ta­ti­on Jahr für Jahr zu­nimmt.

Die zwei­te Kri­tik ist das bis heute wohl­be­kann­te Phä­no­men, dass Län­der ma­chen, was sie wol­len. Mit der Folge, dass Spi­tä­ler, ja ein­zel­ne Ab­tei­lun­gen nicht der ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen Pflich­ten nach­kom­men, son­dern per­sön­li­chen Ei­tel­kei­ten die­nen. Den­ken wir an die Pein­lich­kei­ten rund um die Chir­ur­gi­en in Bad Aus­see und Mürz­zu­schlag, das trau­ri­ge Schau­spiel um die Ge­burts­hil­fe in Mit­ter­sill, die Kas­per­lia­de um die Ober­ös­ter­rei­chi­sche Spi­tals­re­form, die end­lo­se Ge­schich­te von Kitz­bühl, die Dop­pel­glei­sig­kei­ten in Kitt­see und Hain­burg etc. Alles Be­wei­se, dass eine, auf Län­der­ebe­ne an­ge­sie­del­te Pla­nung kaum mit Ver­nunft zu tun hat.

Und es nimmt kein Ende. Ob­wohl eines DER Ar­gu­men­te für einen Herz­ka­the­ter in Waid­ho­fen/Ybbs (NÖ) die Ver­sor­gung der Re­gi­on Steyr (OÖ) war, be­kommt Steyr jetzt auch einen Herz­ka­the­ter; mit der Folge, dass beide Ein­rich­tun­gen so we­ni­ge Fälle haben wer­den, dass die Qua­li­tät nicht stim­men wird (oder, was für Pa­ti­en­ten schlim­mer wäre, aber zu be­fürch­ten ist, die Fälle „künst­lich“ er­höht wer­den). Lan­des­gren­zen über­schrei­ten­des Den­ken ist kein Thema, be­son­ders wenn Wah­len vor der Tür ste­hen – und dank neun Län­dern, einem Bund, einer EU sowie Ar­bei­ter- und Wirt­schafts­kam­mer ste­hen immer Wah­len an.

Der Ös­ter­rei­chi­sche Struk­tur­plan Ge­sund­heit woll­te mit sei­ner Leis­tungs­an­ge­bots­pla­nung die­sem Spiel um Bet­ten und Ab­tei­lun­gen ein Ende set­zen. Zwi­schen 2000 und 2005 wurde ver­han­delt. Der faule Kom­pro­miss über den ur­sprüng­li­chen Plan hatte unter Nai­ven, wie mich, die Hoff­nung ge­nährt, dass der trau­ri­ge Rest zu leben be­ginnt, und die Län­der den Spi­tä­lern Ver­sor­gungs­auf­trä­ge rund um de­fi­nier­te Leis­tun­gen er­tei­len. Doch wie schau­en diese (ge­setz­lich vor­ge­schrie­be­nen) re­gio­na­len Pläne aus? So­weit es sie über­haupt gibt, geht es wie­der nur um Stand­or­te, Bet­ten und Ab­tei­lun­gen. Von einer Ab­stim­mung mit der Re­ha­bi­li­ta­ti­on, der Pfle­ge oder den nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten ganz zu schwei­gen.

Jetzt greift der Haupt­ver­bands­chef Dr. Schel­ling das Thema auf und möch­te von der ein­rich­tungs­ori­en­tier­ten zur pa­ti­en­ten­ori­en­tier­ten Be­darfs­pla­nung kom­men; mutig und rich­tig. Doch wie re­gie­ren die Län­der? Zum Gip­fel letz­ter Woche ent­sen­den sie Re­fe­ren­ten! Was für ein Faux­pas. Stel­len wir uns vor, der Papst lädt ein und Ös­ter­reich lässt sich von einem Se­kre­tär ver­tre­ten!

Es ist mir ja pein­lich, weil ich An­hän­ger eines de­zen­tra­li­sier­ten, steu­er­fi­nan­zier­ten Sys­tems in der Hand ge­wähl­ter Volks­ver­tre­ter bin – aber ich glau­be fast nicht mehr daran, dass je ein Bun­des­land jene Größe ent­wi­ckelt, ein Ge­sund­heits­sys­tem zum Wohl der Be­völ­ke­rung zu ent­wer­fen oder zu lei­ten.

Die­ser Ar­ti­kel wurde im Juli 2009 in ähn­li­cher Form in der Wie­ner Zei­tung ver­öf­fent­licht.