Die unsinkbare Titanic

Wann wird das schein­bar un­sink­ba­re Ge­sund­heits­sys­tem er­ken­nen, dass der wach­sen­de Schul­den­berg zum Schick­sal wird?

In den nächs­ten 12 Mo­na­ten wer­den im öf­fent­li­chen Ge­sund­heits­sys­tem we­nigs­tens 1,3 Mrd. Euro De­fi­zit (3,6 Mio. Euro pro Tag) an­lau­fen, über eine Mrd. Euro al­lei­ne in den Spi­tä­lern. Der Schul­den­berg wird damit immer grö­ßer und ist schon jetzt nicht klein. Neben den Schul­den der Kran­ken­kas­sen, haben ei­ni­ge Bun­des­län­der Spi­tals­de­fi­zi­te in AS­FI­NAG-ar­ti­gen Kon­struk­ten ge­parkt oder grei­fen be­reits „Bank-ähn­lich“ auf Gel­der zu, die sie erst zu­künf­tig er­hal­ten wer­den. Die Spi­tals­fi­nan­zie­rung ist es auch, die dazu füh­ren wird, dass die Län­der statt den vor­ge­schrie­be­nen Maas­tricht-Über­schüs­sen De­fi­zi­te bauen und so die Staats­kas­se tie­fer in die roten Zah­len trei­ben.

Die Hoff­nung, dass die Ge­sund­heits­ver­sor­gung güns­ti­ger wird, gibt es nicht. De­mo­gra­phie und me­di­zi­ni­scher Fort­schritt wer­den dafür sor­gen, dass die Kos­ten auf Jahr­zehn­te hin­aus wei­ter stei­gen. Will man ein so­li­da­ri­sches Sys­tem be­hal­ten, kann man nur schau­en, dass das Sys­tem pro­duk­ti­ver wird. Doch statt die Pro­duk­ti­vi­tät zu er­hö­hen, scheint sich alles nur dar­auf zu kon­zen­trie­ren, die ei­ge­ne Macht zu er­hal­ten.

Wegen die­sem Schre­ber­gar­ten­den­ken der Län­der, Ärz­te­kam­mern, Pen­si­ons­ver­si­che­run­gen, Kran­ken­kas­sen, Ge­werk­schaf­ten etc. ist das Ge­sund­heits­we­sen in hun­der­te Kom­pe­ten­zen zer­split­tert. Statt EIN Sys­tem zu er­rich­ten, in dem Prä­ven­ti­on, Akut­be­hand­lung, Re­ha­bi­li­ta­ti­on, Pfle­ge und Pal­lia­tiv­be­hand­lung so auf­ein­an­der ab­ge­stimmt sind, dass Pa­ti­en­ten zum rich­ti­gen Zeit­punkt, an der rich­ti­gen Stel­le die rich­ti­ge Leis­tung er­hal­ten, wer­den alle Struk­tu­ren rund um Ein­zel­in­ter­es­sen ab­ge­si­chert. Statt mit­ein­an­der zu ar­bei­ten, leben die Macht­kom­ple­xe wei­ter „völ­lig au­tis­tisch vor sich hin und ver­su­chen die Kos­ten­struk­tur einer auf den an­de­ren ab­zu­wäl­zen“ (Kdols­ky 2007).

Eine Struk­tur­re­form ist ent­fern­ter denn je. Dabei wäre sie gar nicht so groß, wie man denkt. Grob kann man davon aus­ge­hen, das 80 Pro­zent der etwa 19 Mrd. Euro öf­fent­li­cher Gel­der rich­tig ein­ge­setzt und daher von einer Re­form gar nicht be­rührt wür­den. Si­cher gäbe es auch hier Pro­duk­ti­vi­täts­re­ser­ven – man­che spre­chen von 1,5 Mrd. Euro – aber die zu heben scheint un­mög­lich, da die Po­li­tik sich zu­neh­mend in jede De­tail­fra­ge ein­mischt und jede Ver­nunft, die nicht zur Selbst­dar­stel­lung bei­trägt, im Keim er­stickt.

Viel wich­ti­ger aber, als diese rein „be­triebs­wirt­schaft­li­chen“ Fra­gen, wäre es, die sys­tem­im­ma­nen­te Ver­schwen­dung end­lich ab­zu­stel­len. Das sind echte Zu­kunfts­fra­gen.

An den Schnitt­stel­len wer­den ak­tu­ell mehr als 1,5 Mrd. Euro pro Jahr „ver­brannt“. Wenn es bei­spiels­wei­se mög­lich wäre, die Leis­tun­gen der Spi­tä­ler mit denen der Pfle­ge ab­zu­stim­men, könn­te man ohne Qua­li­täts­ver­lust fast 700 Mio. Euro spa­ren bzw. sinn­vol­ler ein­set­zen. Doch ein Vor­stoß in diese Rich­tung durch den Haupt­ver­bands­chef Dr. Schel­ling ver­hall­te laut­los. Ver­ständ­lich, denn um die­ses Thema ab­ar­bei­ten zu kön­nen, müss­ten auf Lan­des­ebe­ne Ge­sund­heits­po­li­ti­ker Kom­pro­mis­se mit den So­zi­al­po­li­ti­kern und alle ge­mein­sam mit den Kran­ken­kas­sen und dem Ge­sund­heits­mi­nis­te­ri­um und Hilfs­ver­ei­nen, Ärz­te­kam­mern und Spi­tals­be­trei­bern ein­ge­hen – ir­re­al!

Es wäre Klug, würde statt einer un­struk­tu­rier­ten und de­struk­ti­ven Glo­bal-De­fi­zit­de­ckung auch für das Ge­sund­heits­sys­tem ein Kon­junk­tur­pa­ket ge­schnürt, um damit jene Struk­tur­re­form zu fi­nan­zie­ren, die ga­ran­tie­ren kann, dass das Sys­tem ef­fi­zi­en­ter und so wirk­lich eine Ver­bes­se­rung für die Zeit nach der Wirt­schafts­kri­se wird.

Die­ser Ar­ti­kel wurde im März 2009 in ähn­li­cher Form in der Wie­ner Zei­tung ver­öf­fent­licht.